Die Motorradfamilie


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Tunesien 2009

Reiseberichte

Blütenrausch

Text: Heike Kaitinnis


„Madame, Sie sind in Kairouan, unserer heiligen Stadt! Sie können Ihre Motorräder hier ganz beruhigt stehen lassen“, versichert mir der Souvenirverkäufer. Sein Wort in meinem und Allahs Ohr lassen wir die bepackten BMWs direkt an der Mauer der „Großen Moschee“ im religiösen Zentrum Tunesiens stehen. Vor mehr als tausend Jahren wurden die Grundsteine für den imposanten Bau gelegt. Prunk sucht man hier jedoch vergeblich, denn der Bau besticht nur durch seine Schlichtheit und Größe. Ganz anders die „Barbiermoschee“, die im Inneren komplett mit herrlichen bunten Fayencen ausgestattet ist, für uns der Inbegriff orientalischer Schönheit. Den reich geschmückten Grabraum dürfen nur Muslime betreten, zu den begehrten Fotos kommen wir trotzdem, da einer der Wächter sich anbietet mit unserer Kamera ein paar Aufnahmen zu machen.

Die Medina hatten wir bereits am Abend vorher stundenlang durchstreift. Ausgangspunkt war das Hotel „Sabra“, ein absoluter Glücksgriff. Die Motorräder standen sicher in der Garage des Hauses, das gegenüber vom „Märtyrertor“ liegt und von der Dachterrasse einen Panoramablick über die Altstadt von Kairouan bietet.


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Bereits im Norden war uns die üppig grüne Vegetation aufgefallen, aber auch auf der Weiterfahrt Richtung Sbeitla ist der Boden dicht bewachsen, hervorgerufen durch starke Regenfälle während der letzten zwei Wochen.
Wir hoffen, dass die Piste über den Jebel Biada wieder abgetrocknet ist, da sie mit Sozius und Urlaubsgepäck sonst nicht befahrbar wäre. Der Fahrweg wird schon bald sehr holprig, zieht sich den Berg hinauf an kleinen Gärten und Olivenplantagen vorbei, die durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem verbunden sind. Bevor es dunkel wird, suchen wir einen Platz für die Zelte, kochen und genießen die Ruhe. Ein Schäfer zieht mit seiner Ziegenherde vorbei, wünscht einen guten Abend. Nachdem sein junger Hund eingesehen hat, dass wir uns von seinem Gekläffe nicht vertreiben lassen, lauschen wir den leisen Geräuschen der Nacht.

Nina ist den vermeintlichen Fahrweg ein Stück zu Fuß abgegangen und meint: „Da vorne wird es etwas besser, ich glaube, wir können weiterfahren.“ Wir verlassen uns auf ihre Einschätzung, ich bugsiere meine F 650 noch ein gutes Stück weiter über die blanken Steine. Seit einer Stunde quälen wir die Motorräder über Felskanten, setzen immer wieder in tiefen Rinnen auf oder umfahren große Felsbrocken. Die Kinder haben wir an ganz kniffligen Stellen absteigen lassen, manchmal sicherten auch sie die Motorräder damit wir nicht umfallen wenn ein Fuß ins Leere tritt. Helmut und ich gehen den nächsten Kilometer, ab um festzustellen, dass unsere Tochter sich vertan hat. Ein Weg ist kaum mehr zu erkennen. Also haben wir uns an der letzten Kreuzung doch falsch entschieden und müssen den kompletten Weg zurück.

Zu viert wenden wir mein Motorrad auf dem schmalen Pfad. Helmuts 1100er GS steht zum Glück ein Stück weiter oben am Berg, sodass wir auch die „Dicke“ gut drehen können. Doch auch der richtige Weg zeigt nach ein paar hundert Metern seine Zähne. Zwar ist die Piste nicht schlammig, wie befürchtet, aber durch den Regen sind Teile der Fahrbahn weggespült. Ein Stück weiter wartet Schotter in Tennisballgröße auf uns und dann noch einmal Felsstufen. Wir beschließen aufzugeben, zumal wir nicht mehr viel Wasser haben. Später treffen wir Bekannte die erzählen, dass dies die letzten Hindernisse waren, danach ging es flott ins Tal hinab.

Am Chott El Fejaj erwischt uns die Schönheit der Wüste mit voller Wucht. Dort, wo sonst nur braune Eintönigkeit herrscht, wogt ein buntes Blütenmeer. Fantastisch wie schnell die Pflanzen wachsen, blühen, sich vermehren und dann, bis zum nächsten kräftigen Regenfall, wieder im Dornröschenschlaf versinken.

Von Douz aus nehmen wir die Route durch die Nefzaoua-Oasen am Rand des Chott el Djerid unter die Räder. Auch hier im Süden sind erhebliche Mengen an Niederschlag gefallen, was uns die Möglichkeit zum Studium der in Südtunesien üblichen 3-Etagen-Landwirtschaft bietet. Das hohe Blätterdach der Dattelpalmen spendet den darunter stehenden kleineren Obstbäumen Schatten, am Boden, gut geschützt, wächst reichlich Tierfutter, Gemüse und sogar Getreide. Diese Vielfalt in der flirrenden Wüstenluft kommt uns beinahe unwirklich vor. Im Gegensatz zu der pflanzlichen Pracht wirken die kleinen Oasendörfer recht traurig. Irgendwie sehen alle Häuser halbfertig aus, noch nicht komplett oder schon wieder im Verfall begriffen. Auch kann man den allgegenwärtigen Müll nicht ausblenden, Plastiktüten und –flaschen sind in Tunesien im wahrsten Sinne des Wortes Wegwerfartikel.

Das Café „Artisanat“, das jetzt an anderer Stelle steht als im vergangenen Jahr, erreichen wir am späten Nachmittag. Golden leuchten die versteinerten Dünen von Fatnassa im Licht der untergehenden Sonne, zuletzt schimmern Himmel und Marabut blutrot. Wir sind so sehr im Fotorausch, dass wir überhaupt nicht über den Rückweg nach Douz nachdenken und so müssen wir leider in der Dunkelheit fahren. Allerdings sorgt der riesige Vollmond noch für ein wenig zusätzliches Licht.

Den Kindern haben wir eine Übernachtung in einem Ksar-Hotel versprochen, daher machen wir uns auf den Weg ins Dahar-Gebirge. Die Straßen zwischen Matmata und Tataouine bieten mit ihrem guten Asphalt viel Fahrspaß. Schotter muss hier niemand mehr fahren, doch wer möchte, kann es glücklicherweise noch tun. Dank klarer Luft genießen wir Ausblicke bis ans Mittelmeer. Der Kontrast zwischen dem rötlichbraunen Fels und den frischen grünen Pflanzen in den terrassenförmig angelegten Gärten ist sehr intensiv. Das Ksar Hallouf thront, Ton in Ton mit der Landschaft, auf einem kleinen Bergrücken. Leider wird es nicht mehr als Hotel betrieben, was aber nicht verwundert, denn alles Wasser musste mühsam hier hinauf geschafft werden. Eine Kanalisation gibt es natürlich auch nicht und so lohnte sich der Hotelbetrieb nicht mehr. Wir können trotzdem unser Versprechen wahr machen, denn in der Oase ist ein neues „Hotel“ entstanden. Wir schlafen in einer in den Berg getriebenen Wohnhöhle auf Matratzen und verdrängen den Gedanken an all das Viehzeug, das den ganzen Tag ungehindert durch die offenstehende Tür in das Zimmer krabbeln konnte. Die angepriesene Dusche tröpfelt kalt vor sich hin und das einzige Wasser, das im WC läuft, ist das auf dem Boden. Trotzdem ist die Stimmung einzigartig als die Zikaden ihr Konzert beginnen und der Mond hell durch die Palmwedel blinkt.

Bereits zum Sonnenaufgang klettere ich auf den ausgehöhlten Berg und schaue mich in der Oase um. Ein kleines Mädchen winkt schüchtern von einem Nachbarhaus herüber. Ich gehe auf einen Plausch unter Nachbarn hinunter. Dort gesellen sich noch zwei ältere Frauen hinzu, beide auf Berberart im Gesicht tätowiert. Meine arabische Begrüßung sorgt für anerkennendes Nicken, dann stellen wir uns unter viel Gekicher vor. Viel mehr ist leider nicht möglich, denn unsere Französischkenntnisse sind zu bescheiden. Aber die Frauen sind zufrieden, sie kennen meinen Namen, wissen wo wir herkommen, das sorgt sicher für ein wenig Gesprächsstoff in dieser Einöde.

Als wir in Tataouine die süße Spezialität „Corne de Gazelle“ bestellen, schaut uns der Inhaber der Bäckerei prüfend an und stellt fest: „Ihr wart letztes Jahr schon einmal hier!“ Unsere Bestätigung und der Hinweis, dass wir extra wegen seinem Gebäck gekommen sind, machen den Herrn sichtlich stolz.

Bevor die Kinder auf Djerba baden gehen können, müssen wir noch zwei stürmische Tage überstehen. In den Zelten ist genau so viel Sand wie draußen, darum ziehen wir in das sehr einfache Zimmer einer Freizeitanlage am palmengesäumten Strand von Aghir um. Von dort sind es 20 km bis zur Hauptstadt Houmt-Souk, die wir mit einem Taxi zurücklegen um ganz unbeschwert bummeln zu gehen. Die Fahrt kostet 9 TN, knapp 5 €.

Die Djerbis betreiben noch Landwirtschaft, leben aber hauptsächlich vom Tourismus. Verwaiste Hotelanlagen warten ebenso wie Berge von Töpferwaren auf den Ansturm der Besucher in den Sommermonaten. Und auch die Händler in Houmt-Souk warten, erkennen sofort, dass wir in ihr Beuteschema passen. Man geht kaum einen Meter ohne angesprochen zu werden: „Madame, kommen sie, schauen sie!“, oder „Wo kommen Sie her? Kommen Sie herein!“ sind die üblichen Aufmacher. Doch auch hier hilft, wie in Kairouan oder in anderen touristischen Zentren, ein höfliches, aber sehr bestimmtes: „Non, mercie!“ Dann kann man weitergehen – bis zum nächsten Stand. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, sollte man sich bisweilen die Zeit für ein kurzes Gespräch nehmen und wird angenehm überrascht sein, denn den kontaktfreudigen Tunesier gefällt der persönliche Umgang – das Geschäftliche ist dabei schnell vergessen.

Houmt-Souk hat Charme. Hinter blendend weißem Mauerwerk erwarten den Besucher kleine Geschäfte, vor Cafés und Restaurants findet man reichlich Sitzplätze um dem bunten Treiben auf den Straßen zuzuschauen, im Schatten von Alleen locken Händler mit ihren Waren und überall hängen schön gemusterte Teppiche. Nach dem Besuch der Fischauktion im Marché Central geben wir uns ganz dem Laster der Völlerei und der Verschwendungssucht hin. Am Ende langer Verhandlungen verschwinden die typischen zarten Parfümfläschchen, Silberschmuck und Keramikteller in unseren Taschen. Zu guter Letzt genießen wir noch die zweistündige Prozedur eines Teppichkaufes. Beim letzten Handschlag sind alle mit dem Preis zufrieden, obwohl der Teppichverkäufer stöhnt, dass wir ihn fast ruiniert hätten, doch das gehört zum Handel dazu.

Unsere letzten beiden Urlaubstage verbringen wir in Tunis, wo wir ausgiebig durch die Medina streifen und uns im Soukviertel wundern, wer diese Unmengen von Waren jemals kaufen soll. Die Gassen sind nach Themen bestückt. Schuhe, Unterwäsche, Parfüm, Lederwaren oder Chechias, die traditionellen roten Filzkäppis, werden angeboten. Woanders kann man Webern oder Schustern über die Schulter sehen oder staunen, wie schnell die bekannten Messingteller hergestellt werden. Verwundert beobachten uns ein paar Händler beim Fotografieren. Wir zeigen ihnen auf dem Display wie herrlich die tief stehende Sonne die aufgehängten Stoffe zum leuchten bringt. Die jungen Männer sind begeistert. Wir auch, denn nun stellen sie sich gerne als Fotomodell zur Verfügung.

Nach zwei Wochen machen wir uns, bereichert durch schöne Begegnungen und eine abwechslungsreiche, bunt blühende Landschaft auf den Heimweg. Übrigens standen die Motorräder bei unserer Rückkehr aus der großen Moschee in Kairouan unversehrt auf ihrem Platz.

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