Die Motorradfamilie


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Norwegen 2011 RV 17 von Nina

Reiseberichte


17 Jahr, Sprit im Haar

Text: Nina Kaitinnis

Bunte Boote schaukeln sanft im Wasser des Hafenbeckens. Die wärmende Sonne scheint von einem blauen Himmel, an dem sich dekorativ einige weiße Wolken verlieren. Der Cappuccino schmeckt ausgezeichnet.
Wir sitzen auf der Terrasse eines Hafencafes in Namsos, in Mittelnorwegen und nichts deutet mehr daraufhin, welche Tragödien sich hier in der Vergangenheit abgespielt haben. Erst 1845 gegründet, wurde die Stadt dreimal fast vollständig zerstört. Zweimal durch Feuer, dass sich in den meist aus Holzhäusern bestehenden norwegischen Städten in Windeseile ausbreiten kann und das letzte Mal durch Deutsche. Sie zerstörten Namsos bei einem Luftangriff im April 1940 fast vollständig und fügten dabei u. a. den Briten schwerste Verluste zu. Danach machte Churchill den Begriff „to be namsosed“ zum Synonym für die totale Zerstörung.
Da der große Strom an Fahrzeugen die E6 nutzt und wir einsame Straßen vorziehen, sind wir am Vortag kurz hinter Steinkjer auf die Fv17 abgebogen. Hier wurde die Gegend schnell einsamer und wir kurvten durch Täler mit saftig grünen Wiesen und etlichen kleinen Wasserfällen. Die bekannteren Highlights kennen wir von gut vielen Norwegen Reisen, daher nehmen wir uns diesmal die goldene, wenig bekannte Mitte vor. Das passt besonders gut zu meinen Vorstellungen, da ich noch nicht lange den Führerschein für die 125er habe.
Gegen Mittag fährt mein Vater mit Timo, seinem Sozius, ein Stück vor, um Fotos zu machen und meine Mutter Heike ist hinter mir an einem anderen Fotomotiv hängen geblieben. Also habe ich Zeit, um die Ruhe und die Aussicht auf die zerstückelten Nebelbänke über den zahlreichen Inseln eines Fjordes zu genießen. Dazu schalte ich meinen Motor aus und lasse mich lautlos den kleinen Berg hinab rollen. Bei der Mittagspause beschließen wir, die kleine Insel Leka anzusteuern. Die Fähre dorthin fährt einen romantischen Hafen mit roten Bootshäuschen und bunten Fischernetzen, die so typisch für Norwegen sind, an. Auf der Suche nach einem stillen Örtchen im Wald stößt Mama auf einen abgelegenen Biwakplatz. Er liegt direkt am Fjord hinter einem Hügel, sodass er von der Straße nicht einsehbar ist. Mit dem Aufbauen der Zelte können wir uns Zeit lassen, denn die Sonne wird nur eine Handbreit hinter dem Horizont verschwinden, später machen Timo und Papa zusammen ein Lagerfeuer, an dem wir bis spät abends gemütlich sitzen, die Stille und einen Whisky genießend.
Am nächsten Tag müssen wir nur wenige Kilometer weiter fahren. Noch früh am Tag erreichen wir den Campingplatz am Torghatten. Dies ist ein ca. 258 m hoher Berg südöstlich von Brønnøysund, der von einem 35 m hohen, gigantischen Tor durchlöchert ist. Papa schwächelt ein wenig durch eine Erkältung, deshalb klettern Timo und ich abseits der Wanderwege den Berg hoch, denn von oben hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Schereninseln, die bis weit in den Atlantik hinein reichen.
Wir bleiben drei Tage auf dem Platz. Mama und Timo angeln eine Weile ziemlich fleißig und bringen für das Abendessen ein paar große Makrelen zum Zelt. Als Papa wieder gesund ist, nehmen wir noch einmal gemeinsam die Wanderung zum Tor über einen schmalen Wanderpfad in Angriff. Oben angekommen werden wir mit einer weitreichenden Aussicht auf das offene Meer, die schroffen Berge und etliche winzige Inseln belohnt. Durch seine fast rechteckige Form wirkt der Torghatten wie ein Bilderrahmen, durch den man die Landschaft betrachtet. Der Abstieg auf der anderen Seite ist ebenfalls eine halbe Kletterpartie, die von sommerlichen 20 C° und einem stahlblauen Himmel versüßt wird, dadurch aber auch zu einem schweißtreibenden Unterfangen wird. Zum Glück können wir uns zwischendurch an den Unmengen an wilden Erdbeeren, Blaubeeren und Himbeeren stärken, die überall, von den restlichen Touristen unbeachtet, am Wegesrand wuchern.
Die verstreuten unzusammenhängenden Teile der Küste sind durch viele Brücken miteinander verbunden. Sie waren früher alle mautpflichtig, doch fairerweise verlangt die Regierung nun, da die Kosten gedeckt sind, kein Geld mehr für das Befahren der Brücken. Eine der imposantesten Gebilde soll die Helgelandsbrua sein. Diese überspannt in 45 Metern Höhe den Leirfjord. Mich kann das architektonisch sicherlich komplizierte Bauwerk nicht wirklich begeistern, doch der Rest der Familie findet es durchaus beeindruckend und hält unsere Überfahrt auf zahlreichen Fotos fest.
Von einer schönen, hochgelegenen Strecke schauen wir auf den langgestreckten Sjona Fjord hinunter, der teilweise von sonnenbeschienenen Nebelbänken bedeckt ist. Selten kann man einen Meeresarm, wie in diesem Fall, komplett umfahren. Ab Kilboghamn steht die nächste Fährpassage an. Dies wird eine besondere Überfahrt für Timo und mich, denn wir überqueren zum ersten Mal den Polarkreis.
Der Svartisen ist der zweitgrößte Gletscher Norwegens. An einer seiner zahlreichen Gletscherzungen, dem Engabreen, machen wir kurz Rast. Mir gibt die riesige Fläche der freigelegten Moränen zu denken, denn sie zeigt, wie weit das Eis in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Ansonsten finde ich, dass ein Gletscher, wie dieser, immer ein imposantes Bild abgibt. Kurz danach biegen wir auf eine Straße ab, von der wir uns erhoffen, dass sie uns zu einem nahe am Gletscher gelegenen Übernachtungsplatz führt. Nachdem wir aber aus der dichten Schwärze eines unbeleuchteten Tunnels im Schneckentempo herausgekrochen kommen, bleiben wir verdutzt stehen. Dicker, weißer Nebel umwabert uns, man kann kaum 10 Meter weit sehen. Unsere Eltern wollen direkt umdrehen, hier sei sowieso nichts zu sehen. Das kommt für meinen Bruder und mich nicht in Frage, gerade dieses „Nichts-sehen“ finden wir spannend. So setzen wir uns schließlich durch, schlagen in der feuchten Kälte des Nebels unsere Zelte auf. Zugegebenermaßen ist der Abend ein wenig ungemütlich. Die Nebelschwaden schlucken die wenigen Laute der Umgebung, wodurch eine drückende Stille herrscht und das erhoffte Wärme spendende Lagerfeuer bleibt durch Holzmangel ziemlich mickrig. Morgens erleben wir eine Überraschung, als direkt neben uns ein See und eine gigantische Staumauer auftauchen. Trotz allem sind Timo und ich glücklich über diesen Zeltplatz, auch wenn wir uns in dem höchstens ein Grad kaltem Gebirgsfluss waschen müssen.
Der Saltstraumen ist der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Beim Wechsel der Gezeiten/von Ebbe und Flut strömen hunderte Millionen Kubikmeter Wasser durch eine nur 150 Meter breite Meerenge. Dabei bilden sich gewaltige Strudel, gurgelnd und sprudelnd in dem tiefblauen Wasser. Dieses Spektakel wollen wir uns nicht entgehen lassen. Der Tag ist noch jung, Mama und ich checken schon einmal die Aussicht auf den Malstrom, Timo und Papa angeln wieder unser Abendessen. Das soll uns später noch ziemlichen Ärger bereiten, da sich der widerspenstige Pollak nicht leicht zubereiten lässt, aber der Bessere gewinnt ja bekanntlich. Am nächsten Tag passen wir die beste Zeit der Flut ab, in der der Saltstraumen den Höchststand erreicht und sich zu einem reißenden, gurgelnden Strom entwickelt. Ganze Schwärme von Möwen begleiten die einströmenden Wassermassen in der Hoffnung, sich an den mit hinein fließenden Fischen gütlich tun zu können.
Mittlerweile kann man die Nacht gut zum Tag machen, denn es wird nicht mehr richtig dunkel. Dafür kann man, wie heute, nach einem langen Sonnenuntergang fast die ganze Nacht die blaue Stunde genießen, denn die Laufbahn der Sonne liegt auch im August nur wenige Handbreit unterm Horizont.
Auf unserer Rückreise überqueren wir natürlich ein weiteres Mal den Polarkreis, diesmal über Land. Von stürmischen Böen heftig durchgeschüttelt fahren wir über das baumlose Saltfjellet, eine hügelige Gerölllandschaft, auf deren durcheinander gewürfelten Steinen nur Moosflechten genug Nahrung zum Überleben finden. Die starke Brise könnte ganz witzig sein, da wir mit Schräglage auf gerader Strecke fahren, doch leider erklärt uns Papa, dass das der Vorbote einer Schlechtwetterfront ist. In der Ferne sehen wir einige Rentiere, die sich im Sommer in dieser Kargheit wohl fühlen. Der Wind, der auf dem Fjell häufiger weht als im Tal, und die kühleren Temperaturen bedeuten weniger Mücken, ein Segen für die Hirsche des Nordens. Um den Polarkreis wird natürlich ein großer Hype gemacht, daher steht an der Markierung ein riesiges Besucherzentrum, in dem wir die Souvenirs für die Daheimgebliebenen besorgen.
Das nasse Fell, das wir uns am nächsten Tag zuziehen, schiebe ich heimlich Mama zu, die uns zum Weiterfahren überredete. Optimistisch wie so oft, ziehen wir zuerst nur die Regenjacken an. Schnell sind wir aber davon überzeugt, dass es sich nicht nur um einen harmlosen Schauer handelt, sondern um einen ausgewachsenen Dauerregen, bei dem sich alle Himmelsschleusen geöffnet zu haben scheinen. Die trübe Stimmung, die sich bei unserer Familie beim Fahren in solch einem Wetter einschleicht, kann, Timos und meiner Meinung nach, nur im Zelt im warmen Schlafsack ausgesessen werden. Wir beide lieben das Prasseln des Regens auf dem Zelt, das uns schläfrig macht und uns faulen und sowieso immer müden Teenagern einige Tage des legitimen Faulenzens einbringt. Also nutzen wir eine kleine Regenpause und steuern den nächsten Campingplatz an. Der Rasen des Platzes schmatzt unter unseren Stiefeln, die Zelte werden also auf den angedeuteten Erhebungen aufgeschlagen. Mama hat sich irgendeine Magendarm-Erkrankung zugezogen, an Weiterfahren ist auch nach einer Nacht mit Dauerregen nicht zu denken, obwohl Papa weiß, dass wir das einzige winzige Regengebiet weit und breit über uns kleben haben und wahrscheinlich fünfzig Kilometer entfernt die Sonne scheint. Witzig finde ich die Tatsache, dass der Besitzer des Platzes nie auftauchte, sondern uns ein Schild darum bittet, das Geld für den Aufenthalt in einem Umschlag zu hinterlegen. Damit dieses Vertrauen des norwegischen Inhabers erhalten bleibt, erfüllen wir natürlich die Bitte.
Weiter geht es nach Trondheim, nicht über die viel befahrene E6, sondern durch die Hintertür nördlich am Trondheimfjord entlang. Timo, Papa und ich unternehmen ohne Mama einen Ausflug in die StadtDas Zentrum wirkt auf uns nach der Ruhe der letzten Wochen unglaublich hektisch, dabei hat Trondheim nur ca. 180.000 Einwohner. Zuerst zieht es uns zum Nidarodsdom, dem Nationalheiligtum Norwegens, mit dessen Bau bereits 1070 begonnen wurde. Er ist auf dem Grab des Schutzheiligen St. Olav erbaut und daher ein Pilgerziel und war von 1814 bis 1906 immer wieder Zeuge, wie norwegische Könige gekrönt wurden. Dass diese heute nur noch gesegnet werden, interessiert mich nur am Rande, da die Kathedrale einfach nur total imposant ist.
Wenige Meter weiter schlendern wir über die alte, hölzerne Stadtbrücke und sind schlagartig wieder in der beschaulichen, nordischen Welt, die wir so lieben. Der Stadtteil Bakklandet, direkt an der Nidelv gelegen, besteht auch heute noch überwiegend aus bunten Holzhäusern. Besonders die Speicherhäuser direkt am sanft dahingleitenden Fluss leuchten im Licht der Abendsonne um die Wette und es legt sich langsam eine wohltuende Ruhe über die Stadt. Da wirkt das Paddeleintauchen des Kanuten fast wie Ruhestörung. Schade, dass man diese Stimmung nicht mitnehmen kann, wir müssen also wiederkommen.


Doku Norwegen:

Allgemeines: Norwegen hat im Westen eine stark zerklüftete Küstenlinie, viele vorgelagerten Inseln und gewaltige Fjorde. Bewegt man sich an der Küste entlang, weiß man selten, ob man auf Inseln oder Festland blickt. Bei einer Nord-Süd-Ausdehnung von 1750 km beträgt die Küstenlänge 21.000 km!

Fv17: Die frühere Rv17 ist 650 km lang und verbindet zwischen Steinkjer und Bodoe nahezu alle Hafenorte der Küste und ist damit das landgebundene Pendant zur Hurtigroute. 6 Fähren sind auf dem Kystriksveien ein Muss, etliche mehr die Kür. Deswegen ist sie im Gegensatz zur E6 kaum frequentiert. www.kystriksveien.no/

Verkehr: Norwegen ist für Biker ideal. Reichlich kurvige Strecken, geringer Verkehr und griffiger Asphalt allenthalben. Zudem fahren die Norweger sehr rücksichtsvoll.

Anreise: Die Color Line startet täglich um 14:00 Uhr von Kiel nach Oslo, Ankunft ist am nächsten Morgen um 10:00 Uhr. Es gilt Kabinenpflicht. Alternativ gibt es diverse preiswertere Fähren von Dänemarks Nordspitze nach Norwegen.

Reisezeit: Die beste Reisezeit liegt in den Sommermonaten. Mit Regen und großen Temperaturschwankungen muss man in Norwegen aber immer rechnen. Selbst an den touristischen Highlights ist es im Sommer nicht überlaufen.

Unterkunft: Auf Campingplätzen oder in der Natur (Jedermannsrecht) ist immer Platz für ein Zelt. Die beliebten Hütten muss man in der Hauptsaison vorbe-stellen, oder früh eintreffen.

Literatur/Karten: Uns gefällt der Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag sehr gut. ISBN 978-3-89953-787-1
Die besten Straßenkarten stammen aus dem Cappelens Verlag Oslo, die bei uns über Kümmerly & Frey vertrieben werden.



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