Die Motorradfamilie


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Norwegen 2011 Arktisches Norwegen von Nina

Reiseberichte

Mit dem Schnaps-Pinnchen in die Arktis

Ein wenig unsanft werde ich von meinem Vater wachgerüttelt und blinzel verschlafen in die grelle Mittagssonne. Was ich jetzt zu sehen bekomme, lässt mich mit offenem Mund staunen. Wie eine gigantische undurchdringliche Wand erhebt sich die circa hundert Kilometer lange Inselkette der Lofoten am Horizont und macht ihrem Namen Lofotwand alle Ehre. V
om Deck aus bewundern wir die schroffe Schönheit der Gipfel, die sich vor einem stahlblauen Himmel abzeichnen und durch unser Näherkommen immer weiter in die Höhe wachsen. Nach und nach erkenne ich einzelne weiße Punkte am Fuße der Berge, die sich wenig später als Häuser des Hafendorfes Moskenes entpuppen. Dieser Anblick entschädigt für die anstrengende aber schöne Anfahrt von gut 2.000 Kilometern. Ich bin stolz darauf, es mit meiner MZ 125 SX bereits bis auf die Fähre in Bodø geschafft zu haben.

Am letzten Zipfel der Lofoten beginnt die E10 in einem kleinen Ort, der für uns sinnigerweise den Namen Å, wie Anfang, trägt. Die Strecke an Reine vorbei bietet sogleich Fahrspaß und traumhafte Ausblicke. Unser Campingplatz in Ramberg liegt an einem Strand, der so weiß ist, wie man ihn eigentlich eher in der Karibik erwartet. Im verlassen wirkenden Hafen des Dorfes lassen wir den ersten Abend auf dem Archipel ausklingen. Erst als sich eine Nebelbank langsam vor die Sonne schiebt, ziehen wir uns in die Zelte zurück. Bei unseren Ausflügen quer über die Inseln beeindruckt mich die Landschaft mit ihren unerwarteten, schönen Kontrasten. Sieht man auf der einen Seite der Straße einen weißen Sandstrand und türkises Wasser, so erheben sich auf der anderen die schroffen Spitzen der Berge, die die Lofoten bilden. Dass die Menschen hier einst überhaupt Platz zum Siedeln fanden, ist beeindruckend. Teilweise ist auf dem einzigen flachen Küstenstreifen gerade mal genug Platz für die Straße
Ich hinke hier nie hinter den BMW-Dickschiffen meiner Eltern hinterher, denn wir alle lassen uns auf der Straße treiben, lassen uns Zeit, in unserer kleinen Kolonne elegant durch die Kurven zu schwingen. Ich kann in der Geschwindigkeit fahren, die mir gefällt, meine Eltern passen sich mir an und da es selten andere Verkehrsteilnehmer in der Nähe gibt, drängelt auch keiner von hinten. Nusfjord ist eines der ältesten und am besten erhaltenen Fischerdörfer Norwegens, das von der Unesco zu einem wichtigen Beitrag zur Erhaltung des typisch norwegischen Baustils ernannt wurde. Das Dorf ist wirklichschön hergerichtet, die hübschen rot-weißen Hütten leuchten im Sonnenlicht und dazwischen dümpeln ein paar Boote im Wasser. Direkt an den zahlreichen weißen Traumstränden entlang, verläuft die Straße hauptsächlich geradeaus, von spannenden Kurven manchmal keine Spur. Doch ist das zu langweilig? Für mich nicht, denn das Gefühl, die MZ selber fahren und beherrschen zu können, ist einfach großartig…

Auf der Karte entdeckt Papa eine kleine Stichstraße, die an dem Skelfjorden entlang führt und nach einem kurzen Stück direkt am offenen Meer endet. Auf einer Schotterstrecke, die sich unter meinen Rädern harmlos anfühlt, gelangen wir zu einer Ansammlung von Fischerhäuschen. Das von uns erhoffte gemütliche Café mit grandioser Aussicht finden wir in diesem namenlosen Ort jedoch nicht. Papa und ich düsen auf dem Rückweg schon mal vor, um in Ruhe eine Fotosession machen zu können. Für mich eine gute Gelegenheit, schamlos die Vorteile einer 125er bei den etlichen Wendemanövern auszunutzen. Sie meistert ihre Rolle zu meiner vollsten Zufriedenheit, lässt sich auch von größeren Kieselsteinen, die immer wieder gegen die Gabelholme krachen, nicht aus der Bahn werfen.
In der Nähe von Kabelvåg, dem angeblichen „Herz der Lofoten“ und einem der ersten frühen Fischerdörfer, finden wir einen Campingplatz vor, verseucht mit der weißen Pest, den Wohnmobilen. Den danebengelegenen haben wir fast für uns alleine und ein wenig Luxus bietet er mit Aufenthaltsraum und Küche auch. Da es herrliche 20 °C warm ist und wir an einer seichten, türkisblauen Bucht campen, gehen mein Bruder und ich zum ersten Mal in diesem Urlaub baden. Doch die karibikähnliche Färbung des Wassers täuscht kolossal. Bei ungefähr zehn Grad Wassertemperatur versuchen Timo und ich uns nicht zu sehr schnaufend ins Wasser fallen zu lassen, um nicht als Weicheier dazustehen. Am folgenden Tag unternehmen wir einen Ausflug nach Henningsvær, dessen Hafen das Zentrum bildet, an dem alle Häuser auf Stelzen stehen. Der Ort hat sein ursprüngliches Antlitz gut erhalten. Die Holzhäuser am Hafen vermitteln ihr ganz eigenes urtümliches Flair, dazwischen blitzen die Fischerboote, über und über mit farbenfrohen Netzen, Bojen und Tauen bedeckt, alles vor einer majestätischen Bergkulisse. An diesem Tag fahren meine Eltern und ich getrennt los.

Mama und Papa machen eine Tour durch die Fjordlandschaft, ich muss mir unbedingt neuen Lesestoff holen und fahre deshalb nach Kabelvåg rein. Es ist spannend, alleine durch die Gegend zu fahren, einmal unabhängig vom Rest der Familie zu sein.Passend zum Verlassen der Lofoten ist auch das Wetter trist und grau und verkörpert nur zu gut unsere Abschiedsstimmung. Wir fahren über die Straße Lofast, einem erst 2007 eröffneten Teil der E10, der die Lofoten mit dem Festland verbindet. Es ist bemerkenswert, welche Summen Norwegen selbst in den abgelegensten Gegenden für den Straßenbau investiert. Auf der 51 Km langen Strecke fährt man durch sieben Tunnel und über drei Brücken. Am Abend quartieren wir uns in einer Hütte in der Stadt Narvik ein. Hier endet die Bahnlinie der Erzbahn, die genutzt wird, um das Eisenerz aus dem schwedischen Kiruna durch 166 Kilometer Einsamkeit bis zum Hafen von Narvik zu transportieren. Wir nutzen die E10, die fast durchgängig an dieser Bahnlinie entlang durch das norwegische und schwedische Hochland führt, für einen Abstecher in die 85 Einwohner zählende Metropole Abisko. Südlich von Narvik fahren wir durch eine saftig grüne Wiesen- und Waldlandschaft und genießen ein wenig verträumt die kurvige Straße. Plötzlich hechtet ein Elch direkt vor unserer nichtsahnenden Kolonne aus dem Wald und verschwindet auf der anderen Seite der Straße im Dickicht. Sofort springt Papa vom Motorrad, schnappt sich im Lauf die Kamera, bricht sich bei der Verfolgung elchmäßig eine Schneise durchs Gehölz und versucht zu einem Beweisfoto zu kommen. Kurz darauf kommt er zerkratzt und zerknirscht aus dem Unterholz – die Miene sagt alles.

Vor uns ragt der Stetind mit seinen vollkommen glatten, wie von Menschenhand gemeißelten Wänden in den strahlend blauen Himmel. Mit seinen 1.391 Metern gilt er als der höchste Granit Obelisk der Welt, womit er meiner Meinung nach eindeutig protzen kann. Am Nachmittag kommen wir am Hafen von Kjøpsvik an, der Ausgangspunkt für eine längere Fährpassage über den Tysfjord ist. Um die Wartezeit zu überbrücken verbessern Timo und Papa ihre Anglerfertigkeiten. Die Jungs haben heute Glück und es entsteht eine von diesen Anglererzählungen, bei denen die Beute nach jedem Bericht riesiger wird. Timo hat einen recht großen Fisch am Haken, woraufhin sich ein doppelt so großer Räuber von hinten aus den Schatten der Algen heranpirscht, der letztlich Papas Blinker verschluckt. Das hinter diesem allerdings ein noch größerer Fisch als riesiger Schatten erkennbar nicht anbeißt ist zu verkraften, da die zwei anderen das Abendessen sichern.
Nach der Überfahrt entdecken wir einen flachen Fjordabschnitt mit mini Sandstrand und genügend Platz für unsere Zelte. Von der Straße aus geht es steil rechts runter über eine natürliche Rampe aus glattem Stein. Ein wenig unerfahren fühle ich mich schon, angesichts dieses glitschig aussehenden Gesteins, dennoch wage ich mich todesmutig auf den Weg nach unten. Mehrfach blockiert das Hinterrad aber irgendwie kriege ich die Fuhre dann doch zum Stehen. Auf dicken Moosteppichen schlagen wir unsere Behausungen auf und Timo entzündet im goldenen Abendlicht ein kleines Lagerfeuer zum Grillen der fünf gefangenen Fische. Die Ruhe der Wildnis genießen, in Alufolie gegarte Meeresbewohner und etwas norwegisches Polarbrød futtern und den Sonnenuntergang beobachten, der sich von Golden über Rosa bis Dunkelblau verfärbt, ist für unsere Familie eine Kombination, die den schönsten Abend dieses Urlaubs ausmacht. Nach einer erfrischenden Wäsche im wenige Meter weiter rauschenden Fluss zuckeln wir Vier erst mittags weiter Richtung Süden. Trotz unserer Trödelei und meiner mickrigen PS-Zahl, mit der sich die MZ gegen den starken Südwind die Berge hinauf stemmt, schaffen wir zumindest für unsere Verhältnisse viel Strecke an diesem Tag, das bedeutet knapp 300 Kilometer. Die sind auch nötig, denn wir haben noch genug Meter durch den uns bestens bekannten Süden des Landes zu absolvieren bis wir zur Fähre in Oslo gelangen und diese wartet sicher nicht auf uns.



Doku Arktisches Norwegen:

Allgemeines: Zum Arktischen Norwegen gehören die Provinzen Finnmark, Nordland und Troms, sowie Svalbard (Spitzbergen) und Jan Mayen. Wir haben uns auf das Nordland und den Südzipfel von Troms beschränkt.
Verkehr: Eine niedrige Verkehrsdichte, gepaart mit einer perfekten Mischung aus Kurvenorgien und Cruiserstrecken machen Norwegen zu einer guten Adresse für Motorradfahrer.
125er Sicht: Die Norweger fahren sehr rücksichtsvoll. Es wird nicht gedrängelt und gerast, wodurch das Reisen auf der 125er MZ sehr entspannend war.
Großenduro Sicht: Die Fahrt zusammen mit einer 125er ist sehr vorteilhaft. Man wird immer wieder abgebremst und spart so Geld für Strafzettel und kann in Ruhe die Landschaft genießen.
Anreise
: Täglich um 14:00 Uhr fährt die Color Line von Kiel nach Oslo und ist somit die bequemste und teuerste Anreise. Ankunft ist am nächsten Tag um 10:00 Uhr in Oslo. Es gilt Kabinenpflicht, Schlafsessel sind nicht mehr im Angebot. Diverse preiswertere Fähren starten von Dänemarks Nordspitze nach Norwegen. Von Oslo sind es dann noch einmal ca. 1.200 km bis Bodø, wo die südlichste Fähre zu den Lofoten startet. Ohne Fähre kommt von Norden über die „Lofast“, einem Teilstück der E10, zu den Lofoten.
Reisezeit: Die besten Reisemonate sind die Monate Juni bis August. Es ist immer hell und die Temperaturen sind im Durchschnitt moderat. Wie der Sommer 2014 bewiesen hat, kann man aber auch im Norden ordentlich schwitzen. Es wurden wochenlang Temperaturen zwischen 20 und 33° C gemessen.
Allerdings kann bei Winddrehung auf Nord bis West die Temperatur durchaus auf 10° C fallen.
Mitternachtssonne: Der Grund für dieses Phänomen ist die Stellung der Erdachse, die auf der 365 Tage währenden Sonnenumrundung der Erde ständig eine Neigung von 23,44 Grad zur Umdrehungsebene hat. Dadurch gelangen die Polgebiete ein halbes Jahr lang unter Sonneneinstrahlung, während am Polarkreis bei 66,56 Grad nördlicher Breite die Sonne nur in der Nacht zum 21. Juni nicht verschwindet.
Unterkunft: Hütten sollte man in der Hauptsaison reservieren, oder früh eintreffen. Die Campingplätze haben für Zelte immer einen Platz frei, ansonsten kann man das „Jedermannsrecht“ nutzen und in der Wildnis unterkommen.
Literatur/Karten: Reiseführer Nordnorwegen/Lofoten sind sehr rar. Empfehlung: Norwegen aus dem Michael Müller Verlag ISBN 978-3-89953-787-1.
Der Cappelen Verlag Oslo hat die besten Karten im Angebot. In Norwegen sind sie allgegenwärtig, der Verlag Kümmerly & Frey vertreibt sie in Deutschland. Das bereiste Gebiet deckt die Karte „Blad 4“ ab.


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