Die Motorradfamilie


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Norwegen 2004

Reiseberichte

Im Land der Trolle und Fjorde

Text: Heike Kaitinnis

Nach einer fair und demokratisch geführten Diskussion mit unseren Kindern über das diesjährige Reiseziel, ist die Entscheidung zugunsten Norwegens gefallen. Unser Sohn Timo, 7 Jahre, war sehr schnell mit Geschichten von Wikingern und der Aussicht auf wildes Campen überzeugt, Nina, 10 Jahre, faszinierte die Aussicht auf Papageientaucher zum Anfassen und Wale zum Angucken. Als Alternative boten wie ein paar abschreckende Bilder von Mallorcas Stränden im Sommer, und schon waren wir uns einig. Gut eingefahren sind die beiden sowieso, haben sie doch schon fast alle unsere europäischen Nachbarländer im Gespann bereist.

Mit Kindern, vor allem mit Schulpflichtigen, reist man langsamer. Man steht nämlich mit allen anderen im Stau. Oder man fährt ganz gemütlich, so wie wir, von Dortmund abseits der Autobahnen nach Kiel. Da unsere Fähre am Samstag um 13:30 Uhr aus Kiel ausläuft, sind wir bereits am Freitagmittag losgefahren und übernachten in der wunderschön in einer Wald- und Moorlandschaft gelegenen Jugendherberge von Inzmühlen.

Dieses Jahr haben wir uns für Schlafsessel statt für eine Kabine entschieden. Dabei waren wir nicht unwesentlich beeinflusst von den 600 € Unterschied zur nächsten buchbaren Kabine. Unsere Kinder fanden das total cool. Timo verzog sich abends unter die Sitze und rührte sich bis zum nächsten Morgen nicht mehr. Der Rest der Familie verbrachte die Nacht mal mehr, mal weniger schlafend im Sessel und auf dem Boden. Selbstverständlich haben wir einen Teil des gesparten Reisepreises in das hervorragende skandinavische Büffet und ein opulentes Frühstück investiert.

Bereits mit der Einfahrt in den 100 km langen Oslofjord beginnt ein Norwegen Urlaub: liebliche Landschaft, Schären und die typischen rotbraunen Häuschen mit weißen Fenstern säumen die Ufer. Helmut und ich verspüren keine Lust wieder einmal die viel befahrene E 6 durch das Gudbrandsdalen zu fahren. Wir biegen kurz vor Hamar ab Richtung Elverum und fahren bei schönstem Sommerwetter auf der E3 Richtung Rondane Nationalpark. Nach diesem eher unspektakulären Stück Norwegens folgt schnell das erste Highlight. Die bis über 2000 m hohen Gipfel des Rondane Nationalparks locken schon von weitem. In diesem herrlichen Gebiet gibt es fast keine Straßen dafür umso mehr Wanderwege. Wer Zeit hat, sollte zwei Tage opfern und die Natur auf einer Wanderung genießen. Wir schlagen unser Zelt direkt am Fluss des Campingplatzes von Atnbrua auf, der sich wunderbar als Kühlschrank für unser Bier nutzen lässt. Dies soll unsere kälteste Nacht werden. Für uns Vier ist das kein Problem, denn wir haben warme Schlafsäcke mit und kriechen am nächsten Morgen gut ausgeruht aus dem Zelt, während unsere Auto fahrenden Nachbarn ziemlich laut mit den Zähnen klappern.

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Unser erstes Ziel ist die Vogelinsel Runde südwestlich von Ålesund. Daher nehmen wir das Stückchen E6 unter die Räder, das zwischen Dovrefjell- und Rondane - Nationalpark hindurch führt. Von hier hat man einen herrlichen Blick über die weite, von Bergen eingerahmte Landschaft. Über die gut ausgebaute E136 kurven wir an der Rauma entlang, deren Tal als eines der wildesten Täler Norwegens gilt und bei strahlendem Sommerwetter ein wahrer Augenschmaus ist. Kurz vor Andalsnes ist ein Stopp an der Trollwand Pflicht. Schwindel erregend ist der Blick auf die fast senkrechten Felswände, in denen wir den Bergsteigern zusehen.

Die Insel Runde hat uns schon bei unserem Besuch vor 12 Jahren fasziniert. Zum Glück hat die Insel sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Runde beherbergt die südlichste Seevogelkolonie Norwegens, die während der Brutzeit auf 700.000 Vögel anwächst. Da bei unserer Ankunft Ende August schon viele Vögel die Aufzucht der Jungen beendet haben, sind die Brutfelsen nicht mehr dicht besetzt. Doch gleich bei unserer ersten Wanderung zur Steilküste sehe ich einen Seeadler, der im Flug einen Vogel schlägt. Welch ein majestätischer Anblick! Die drolligen Papageientaucher haben es den Kindern angetan, doch es ist am Rand der Steilklippen sehr windig, sodass wir nach drei Stunden kalt aber zufrieden wieder zum Zelt zurück marschieren.

Wir lassen fünf Tage die Seele baumeln, gehen angeln, machen Motorradtouren durch die Inselwelt und genießen die raue Natur bei ausgiebigen Wanderungen oder während einer Bootstour um Runde. Nina geht sogar schwimmen – bei einer Wassertemperatur von 15 ° C! Knut Goksøyr, der Inhaber des Campingplatzes von Goksøyr, schenkt uns eines Abends köstliche, frisch geräucherte Makrelen. Wir revanchieren uns mit einer Einladung zu einem guten Schottischen Single Malt, dafür gibt Knut einige seiner Erlebnisse mit den Touristen zum Besten.

Der Weg von Runde zurück zum Festland führt wieder über diverse Brücken, Dämme und Inseln. Der Ausblick wechselt ständig zwischen Bergen, Seen und dem Meer und begeistert uns wie beim ersten Mal.

Von Hellesylt nehmen wir die Fähre durch den sehr schönen Geiranger – Fjord. Bei sommerlichen Temperaturen fahren wir an den berühmten „Sieben Schwestern“ vorbei, die wir in die „Sieben mickrigen Schwestern" umtaufen. Viel zu viel Wasser wird für die Wasserkraftwerke abgezwackt und von vielen Wasserfällen bleiben nur noch kleine Rinnsale übrig.

Wenig später lockt die Kurvenreiche Auffahrt zum 1400 m hohen Dalsnibba. Die letzten Kilometer sind nicht asphaltiert aber sehr gut fahrbar. Die Kinder rennen im T-Shirt durch den letzten Schnee, und wir genießen die atemberaubende Aussicht auf den Geiranger – Fjord und die umliegenden schroffen Berge mit ihren tiefblauen Seen.

Zu einem gelungenen Norwegen-Urlaub gehört für Nina und Timo die Besichtigung eines Gletschers. Dafür haben wir als ersten Standort den Campingplatz von Melkevoll ausgesucht. Allein die Fahrt über die 20 km lange einspurige Talstraße ist ein optischer Hochgenuss. Das Sträßchen schlängelt sich am Oldevatnet entlang. Kleine Höfe liegen eingebettet in saftige, grüne Wiesen und rings um das schmale Tal steigen die Berge auf über 1500 m an. Am Ende des Talkessels liegt der Melkevoll - Campingplatz. Unsere Kinder sind hellauf begeistert, denn die Stellplätze findet man zwischen riesigen Felsbrocken, teilweise haushoch. Inmitten dieser Trümmer, einer Hinterlassenschaft des Gletschers, haben die Campingplatzbesitzer eine Steinzeithöhle nachgebaut in der man auch übernachten kann. Ein toller Kinderspielplatz! Wir finden einen Stellplatz in einer Felsnische direkt am Fluss mit einem atemberaubenden Panorama. Von hier aus hat man zwei große Gletscherzungen im Blick, den Melkevollbreen und den Briksdalsbreen, sowie einen großen und mehrere kleinere Wasserfälle. Durch die Wasserfälle und den Gletscherfluss herrscht ein unglaubliches Getöse, an das wir uns aber nach der ersten Nacht gewöhnt haben.

Auf dem Weg zur Briksdalsbreen passiert man eine in Gischt gehüllte Brücke, die diverse Postkarten ziert. Wer faul ist, kann sich den Anstieg nämlich ersparen und sich mit Pferdekutschen bis kurz vor den Gletscher fahren lassen, was ein begehrtes Fotomotiv abgibt. Wir gehen direkt bis an den Fuß der Gletscherzunge und staunen über die gigantischen Ausmaße. Die Eiswanderer in einiger Entfernung sehen aus wie kleine Ameisen. Dabei ist der Briksdalsbreen nur ein winziger Teil des Jostedalsbreen, mit 550 km² Europas größter Festlandgletscher. Von hier aus werden leider nur Gletscherwanderungen für ältere Kinder angeboten. Daher ziehen wir zum Lustrafjord um, der ein Arm des großen Sognefjords ist.

Der direkte Weg zum Lustrafjord führt über die E5, aber hier muss man durch einen 8 km langen Tunnel fahren. Auf dem Motorrad wahrlich kein Vergnügen. Wir entscheiden uns daher für die Route über das Gaularfjell. Die kleine Straße Nummer 15 ist ein echtes Highlight! Sie schlängelt sich durch eine spektakuläre Landschaft und windet sich die Passhöhe hinauf. Dank dem üblichen griffigen Asphalt könnte man hier super Kurven räubern, wäre da nicht der vermaledeite Regen. Es schüttet wie aus Eimern! Meine neuen Membran - Handschuhe lassen das aufgenommene Wasser erst Tage später wieder raus. Wir lassen uns die Fahrt trotzdem nicht vermiesen und dies bleibt der einzige Regentag in drei Wochen Norwegenurlaub.

Der kleine Viki - Campingplatz bei Feigum erweist sich gleich am ersten Abend als Glücksgriff. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf die gegenüberliegende Fjordseite und den 218 m hohen Feigumvossen, einer der größten Wasserfälle Norwegens. Im Schein der Abendsonne verwandelt sich die Gischt des Wasserfalls in einen riesigen Regenbogen. Eine niederändische Familie, die uns schon im vorigen Jahr in Schottland gesehen hatte, macht uns auf eine Schule Delfine aufmerksam. Die Großen Tümmler besuchen den Fjord jeden Morgen und jeden Abend. Nina will kaum noch vom Wasser weg, denn Delfine sind ihre Lieblingstiere.

Vom Campingplatz sind es nur 50 km bis zum großen Parkplatz am Gletschersee. Von dort fahren halbstündlich Boote ans andere Ufer, wo die Touren über den Nigardsbreen starten. Kaum sind wir am Gletscher angekommen, zieht der Himmel zu und es wird windig und lausig kalt. Die Kinder ignorieren es, viel zu spannend ist es, mit Sicherungsleine und Spikes ausgerüstet zu werden. Für Timo ist es wie ein Sechser im Lotto, als er den großen Eispickel vom Führer in die Hand gedrückt bekommt. Leider darf er ihn nicht mit nach Hause nehmen. Mit den Spikes kann man sich sehr gut über das Eis bewegen, aufpassen muss man trotzdem. Die kleine Tour dauert insgesamt nur knapp 2 Stunden, ist aber absolut lohnenswert. Ein irres Gefühl in tiefe Gletscherspalten zu sehen und einen Blick auf das stahlblaue Eis zu werfen, das an manchen Stellen bis zu 500 m dick ist.

Wir wechseln mit der kleinen Fähre in Solvornauf die andere Fjordseite. Dort liegt die Kirche von Urnes, die älteste Stabkirche Norwegens. Nicht nur, dass sie lieblich auf einem kleinen Hügel thront und einen schönen Rundblick auf den Fjord und seine Obstplantagen bietet, auch ihre Geschichte ist interessant. Die kleine Kirche wurde aus verschiedenen Überresten anderer Kirchen auf einem alten Fundament aufgebaut. Auch im Inneren wurde sie immer wieder verändert. An einer Außenseite sind unzählige ineinander verschlungene Fabeltiere zu bewundern. Man schätzt, dass diese Schnitzarbeiten ungefähr 1000 Jahre alt sind. Das Zählen der Fabelwesen geben wir allerdings nach einigen Versuchen auf. Auf dem Weg hierhin war uns der schöne Hafenort Solvorn mit seinem kleinen Badestrand aufgefallen. Am nächsten Tag legen wir hier noch einen Badetag ein. Am Strand herrscht reges Treiben, ist der Ort doch bekannt für sein mildes Klima. Während sich die Kinder Schwimmhäute holen, machen wir einen Rundgang durch den malerischen Ort. Teilweise bewegt man sich nur auf Trampelpfaden zwischen den kleinen Holzhäuschen hindurch. Zuletzt landen wir auf der Sonnenterasse des Cafes. Die Sonne brennt vom Himmel, Cafe und Kuchen sind vorzüglich, eine himmlische Ruhe umgibt uns, die Hektik des Alltags ist weit weg – das ist Urlaub!

Auch den schönsten Platz auf Erden muss man irgendwann räumen, zumindest wenn das Urlaubsende naht. Wir gönnen uns noch einen Abstecher Richtung Norden. Die 55 führt direkt am Jotunheimen Nationalpark entlang und bietet begeisternde Ausblicke auf die schroffe Bergwelt mit ihrer Ansammlung von Zweitausendern. Hier findet man auch die höchsten Berge Norwegens, den Glittertind und den Galdhöppigen, beide knapp 2500 m hoch. Nach einem Bad am seichten Strand der Otta schwenken wir auf der 51 Richtung Süden ab. Es ist immer noch sehr warm, aber auf dem Valdres Fjell in 1380 m Höhe herrschen angenehme Temperaturen. Leider ist wildes Campen dort überall verboten und der Platz für Zelte ist auf dem riesigen Campingplatz von Beitostølen so hässlich, dass wir lieber ein Zimmer im Holzhaus nehmen.

Da wir nicht auf der Europastraße nach Oslo fahren wollen, suchen wir uns kleine Straßen Richtung Süden und genießen hier die wieder lieblichere Landschaft. Ein letztes Mal schlagen wir unser Zelt auf dem Campingplatz von Haglebu an der 287 auf. Der Platz liegt in 1000 m Höhe und auch hier ist es so warm, dass wir abends noch im kleinen See des Campingplatzes schwimmen gehen.

Zwei Tage später sitzen wir auf der Fähre Richtung Kiel und sehen die Norwegische Küste langsam verschwinden. Die Kinder wollen überhaupt nicht wieder nach Deutschland zurück, uns geht es genau so. Aber die nächste Norwegenreise, diesmal bis zu den Lofoten nimmt schon Formen an. Wir kommen wieder – keine Frage!

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