Die Motorradfamilie


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Karpaten 2008

Reiseberichte

Reise ins Gestern - Karpaten

Text: Heike Kaitinnis

Wir haben das Gefühl, mitten durch die Wolken hindurch zu fahren, so sehr schüttet es. Die tschechischen Straßen, versteckt unter riesigen Pfützen, wirken eher wie eine Seenlandschaft. Unter der Wasseroberfläche lauern Schlaglöcher, die ein hässliches, lautes Krachen im Heck meiner R 100 GS auslösen. Im Schutz einer Arkade gehen wir auf Ursachensuche, um festzustellen, dass der Kofferträger gebrochen ist. Dadurch schlägt die Ecke des Alukoffers beim starken Einfedern auf den Kardantunnel. Unsere Kinder amüsieren sich unterdessen prächtig, denn Helmut und ich müssen ständig zur Seite springen, um der Dreckwasserdusche durch vorbei brausende Autos zu entkommen.

Als Glücksgriff erweist sich die Werkstatt Knobloch in Mnichovo Hradište, denn der Inhaber spricht fließend deutsch und macht sich sofort auf den Weg um einen Bekannten mit einem Lötgerät zu holen. Nachdem drei Mitarbeiter 2 ½ Stunden meinen Kofferträger bearbeitet haben, eine passende Schelle angefertigt und alles mit einem mattschwarzen Anstrich versehen haben, zahlen wir für die gelungene Reparatur 28 €! Bei sommerlichen Temperaturen genießen wir die Weiterfahrt über die wunderschöne Strecke durch Iser- und Altvatergebirge entlang der polnischen Grenze.


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Der Wallfahrtsort Levoèa im Norden der Slowakei entpuppt sich als mittelalterliches Schmuckstück. Fast komplett wird die Altstadt durch die perfekt erhaltene Stadtmauer umschlossen. Der rechteckige Platz des Meisters Paul, der zu den größten dieser Art in Europa gehört, wird umrahmt von ca. 60 bestens erhaltenen Bürgerhäusern aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Dominiert wird der Platz vom Rathaus und von der St. Jacobskirche, dessen filigraner Altar aus Lindenholz sich über 18 m gen Himmel reckt. Es herrscht reges Treiben in der Stadt und bei einem Bummel über den Markt mit seinen Verkaufsständen aus Holz spürt man auch angesichts der Preise einen Hauch Mittelalter.

Nur wenige Kilometer weiter folgt der nächste Halt. Schon von weitem sieht man die Zipser Burg mächtig auf ihrem Berg thronen. Sie ist die größte Burg Mitteleuropas mit über 41.000 m² Fläche und zählt seit 1993 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Besichtigung erweist sich mit Crossstiefeln als äußerst mühsam, aber den Aufstieg durch extrem enge Gänge auf den Burgturm sollte man trotzdem auf sich nehmen, denn die Rundumsicht auf die ungewöhnliche Hügellandschaft und die Reste der gewaltigen Burganlage ist hervorragend. Nina und Timo begeistern sich für die kleine Ausstellung zum Leben auf der Burg aber auch für die kleinen Handwerkerstände im Hof, wo beide sich ein paar Andenken kaufen. Bei diesem Besichtigungsprogramm stehen am Abend nur 160 km mehr auf dem Tacho.

Über die Ukraine kursieren einige unschöne Geschichten, Bestechung und Abzocke durch die Polizei scheinen zur Tagesordnung zu gehören, so sind wir sehr gespannt, was uns erwartet. Die Einreise am kleinen Grenzübergang nördlich von Uzhgorod, der Hauptstadt Transkarpatiens, verläuft völlig unproblematisch. Obwohl wir kein Schmiergeld zahlen, wie der Mann vor uns, stehen wir nach gut einer Stunde auf der anderen Seite und plötzlich in einer anderen Welt. Der Asphalt ist löchrig, ein buntes Gemisch an Fahrzeugen bevölkert die Straße und hier, abseits der Hauptstrecke, nimmt keine Tankstelle mehr eine Kreditkarte. Wechselstuben oder funktionierende Geldautomaten finden wir keine, somit stehen wir ohne Geld da. Slowakische Autofahrer fahren an den Tanksäulen auf bereitgestellte Holzrampen auf und stellen ihr Fahrzeug schräg. Dadurch passt mehr Benzin in den Tank und macht die Fahrt in die Ukraine erst richtig lohnenswert! Irgendwann entdecken wir doch noch einen Geldautomaten, der das dringend benötigte Geld ausspuckt.

Kaum haben wir an einem Restaurant gestoppt, bittet mich ein Mann gestikulierend, mein Motorrad für ein Foto mit seinem Sohn zur Verfügung zu stellen. Leider verläuft die anschließende Unterhaltung sehr schleppend, denn unser Wörterbuch in lateinischer Schrift hilft nicht, da der Vater nur die kyrillische beherrscht. Das hält ihn nicht davon ab, für uns eine Auswahl landestypischer Gerichte zu bestellen, die Einblick in die Vielfalt der ukrainischen Küche gibt. Egal ob Borschtsch, Pilzsuppe, im Tontopf geschmortes Fleisch oder gegrillter Fisch - das Essen ist deftig und schmackhaft! Nur die Scheiben puren Speckes verschmähen wir.

Zufrieden wollen wir die Kühe wieder auf die Straße jagen, als eine Hochzeitsgesellschaft naht. Flugs nimmt die hübsche Braut in blütenweißer Hochzeitsrobe auf meiner Sitzbank Platz, posiert lachend für das Fotoalbum. Bei der Verabschiedung winkt man uns wie guten Freunden nach. Inzwischen hat sich der Himmel bedenklich zugezogen, wir vernehmen sogar ein deutliches Grollen. Schnell suchen wir einen Übernachtungsplatz, der sich ein kleines Stückchen weiter auf einer Flussaue am Uzh bietet. Kaum schweigen die Motoren, bricht auch schon ein Unwetter über uns herein. Der Donner ist ohrenbetäubend, Blitze zucken über den Himmel, die ersten fetten Tropfen klatschen auf den Boden. Im Schutz von Bäumen bauen wir blitzschnell eines unserer Zelte auf, springen zu viert hinein, als der Himmel endgültig seine Schleusen öffnet und ein wahrer Monsunregen auf uns nieder geht. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Plötzlich hören wir leise Schritte vor dem Zelt. Die Stimmung ist gruselig – ist es ein Dieb, ein Meuchelmörder? Vorsichtig lugen wir nach draußen. Es wandert nur eine Ziegenherde vorbei, gefolgt vom Hirten und seinem Hund. Kurze Zeit später spaziert eine Kuh, begleitet von einer alten Frau, um unsere Zelte. Die Oma möchte gerne mit mir plaudern. Da es nicht klappt, redet sie weiter auf ihre Kuh ein und zieht von dannen.

Durch ein nächtliches Unwetter, das uns den Schlaf raubte, ist der Pegel des Uzh am nächsten Morgen ganz beachtlich angestiegen, was Helmut und mich daran erinnert, in Zukunft noch mehr Abstand zu Flüssen einzuhalten. Sofort nach dem Start von unserer schönen Wiese muss ich mein Motorrad wieder stoppen. Die Ölkontrollleuchte brennt! Da wir regelmäßig den Ölstand kontrolliert haben, befürchten wir einen größeren Schaden. Als der Ölpegel wieder stimmt, läuft der Motor jedoch ruhig, sodass wir beschließen, weiter zu fahren.

Auf kleinen Straßen bewegen wir uns durch die Waldkarpaten Richtung Osten. Trotz der ständigen, kräftigen Regenschauer sind wir begeistert von der Landschaft. Auch die Menschen gefallen uns sehr. Sobald wir anhalten, kommt jemand dazu und fragt, ob er helfen kann. Viele suchen ein Gespräch und man merkt die Enttäuschung, wenn es wegen der Sprachbarriere nicht funktioniert, denn Englisch wird kaum gesprochen. Wir trafen allerdings auch auf einen Mann, der uns in bestem Deutsch den Weg wies. Auf die Frage, woher er seine Kenntnisse hat, antwortet er grinsend: „Ich war mit einer Spezialeinheit der Sowjetarmee in Ostberlin. Da haben wir den Funkverkehr der Westdeutschen abgehört!“

Trotz rechtzeitiger Suche finden wir keine Möglichkeit zum Zelten. Selten findet man eine gerade Fläche, zudem stehen viele Grasflächen unter Wasser. So ist es bereits spät, als wir auf der Suche nach einem Campingplatz ein paar Mal durch
Koloèava fahren. Zuletzt halten wir vor der Hospoda, einem Gasthaus, um dort zu übernachten. Aus einer Gruppe von Menschen werden wir auf deutsch von einer Frau angesprochen, ob wir ein Zimmer suchen. Wir bejahen und sie empfiehlt: „Geht nicht in die Hospoda, das ist viel zu teuer. Ihr könnt ein Zimmer bei der Oma haben, das ist viel besser und mit Badezimmer!“ Die Oma lebt genau gegenüber und nimmt uns überaus herzlich auf. Sie selber bewohnt nur ihre winzige Küche, die gleichzeitig Wohnzimmer und Schlafzimmer ist. Das eigentliche Wohnhaus vermietet die Witwe an Touristen. Im Winter ist es jedoch verschlossen, da es zu mühsam ist, das Haus zu heizen und in der Küche ist es doch sowieso immer schön warm.

Das angepriesene Badezimmer entpuppt sich als winzige 2-Personen-Banja, in der wir auf rohen Holzplanken stehen, in einer Plastikschüssel Wasser mischen, um es mit einer Schöpfkelle über den Körper zu gießen. Als Wasserabfluss fungiert ein Spalt in der Außenwand. Das Wasser musste Olena Romanjuk, unsere „Oma“, in Eimern von der anderen Straßenseite heran schleppen, denn fließend Wasser gibt es hier noch nicht. Zum Plumpsklo führt ein halsbrecherischer Weg über den Hof und durch den Hühnerfreilauf, Wäsche wird im Bach am Straßenrand oder im Fluss gewaschen. Dieser Staat möchte gerne in die EU aufgenommen werden, uns scheint er noch um 100 Jahre davon entfernt zu sein.

Beim Abendessen erzählt uns unsere Helferin Maria Gleba, die Deutschlehrerin des Ortes, Anekdoten über den Räuber Nikola Schuhaj, eine Art Robin Hood der Ukrainischen Karpaten und über die bewegte Vergangenheit der Karpaten-Ukraine. In ganz grauer Vorzeit wurde das Gebiet von Ungarn besiedelt und nach dem ersten Weltkrieg gehörte es zur Tschechoslowakischen Republik. 1938 hatte Ungarn kurzfristig die Macht, dann wollten die Tschechen den Landstrich zurück, aber 1945 gewann Moskau. Heute reisen viele Tschechen auf den Spuren der Vergangenheit nach Transkarpatien.

Die empfohlene Straße nach Komsomolsk, oder Deutsch-Mokra, das 1775 von österreichischen Waldarbeitern gegründet wurde, ist voller Schlaglöcher, dicken Steinen, Pfützen und dazwischen Schlamm. Das Federbein von Helmuts 1100 GS ist heillos überfordert, es schlägt ständig durch. Nach 20 km treffen wir auf tschechische Endurofahrer, die uns davon abraten weiter zu fahren. Da die Moppeds der Truppe aussehen, als ob sie komplett im Schlamm gelegen hätten, treten auch wir den Rückzug an. Die alternative Route über die 0720, immerhin eine Hauptverkehrsstraße, ist nur wenig besser, denn auch diese ist teilweise in einem üblen Zustand. Grundsätzlich sollte man auf ukrainischen Straßen sehr vorsichtig fahren, der Straßenbelag wechselt häufig, tiefe Schlaglöcher sind normal. Am Wegesrand grast alles Mögliche an Viehzeug, vom kleinen Harakiri-Küken bis zur Straßensperren-Kuh. Dazwischen rennen Hunde, Katzen und Kinder herum, Pferdefuhrwerke, Fahrräder und Mofas fahren wo es ihnen gerade passt.

Bevor wir bei
Èernivci die Grenze nach Rumänien überqueren, wollen wir die letzten Griwna loswerden, doch die beiden Tankstellen vor der Grenze haben kein Benzin mehr. Auch die Ausreise verläuft genau so problemlos wie die Einreise. Die Ukrainer waren uns gegenüber alle unglaublich nett, ehrlich und hilfsbereit, bei Verkehrskontrollen im Land wurden wir nie angehalten.

Obwohl die Moldauklöster in Rumäniens Norden Touristenmagneten sind, erweist es sich auch hier abseits der Hauptstraßen als schwierig, einen Geldautomaten zu finden und natürlich nehmen die Tankstellen in den Dörfern keine Karten an. Zudem existieren alle auf unseren Karten eingezeichneten Campingplätze nicht, daher sind wir froh, dass wir spätabends, mit leeren Tanks und Bäuchen, unsere Zelte neben einem Hotel in Suèevita aufschlagen dürfen. Nach der Bezahlung der Übernachtungsgebühr und einiger Getränke sind wir fast pleite, ein Essen ist nicht mehr drin.

Ohne Frühstück, aber trotzdem gut gelaunt, machen wir uns auf den Weg zum Kloster
Suèevita. Den Eintritt von 2 € für die ganze Familie können wir gerade noch aufbringen und genießen mit wenigen weiteren Besuchern die üppigen Fresken an der Außenfassade bei klarem Morgenlicht. Der Bau, der aus dem 16. Jahrhundert stammt, wird noch von Ordensfrauen bewohnt und ist mit einer komplett erhaltenen, wuchtigen Wehrmauer sowie vier Türmen umgeben. 40 km später finden wir in Varma einen Geldautomaten, der tatsächlich Geld ausspuckt. In Fasin gibt es Benzin für die Motorräder sowie nach 24 Stunden endlich wieder Futter für uns. Eines der berühmtesten Moldauklöster ist sicher Voronet, das auch die Sixtinische Kapelle des Ostens genannt wird. Auf jeden Fall ist dieses Bauwerk etwas ganz besonderes. Die Außenmauern weisen wieder viele Fresken auf, aber das Innere ist einfach umwerfend. Wir staunen alle ob der unglaublichen Pracht der Malereien und beim Blick in die Moldauische Kuppel. Kein Fleck im Inneren ist ohne Malerei! Abgerundet wird das Bild von der goldglänzenden Ikonostase, einer Bilderwand, die das Kirchenschiff vom nur für die Priester und Diakone zugänglichen Altarraum trennt. Die bekanntesten der Moldauklöster stehen zum Glück unter dem Schutz der UNESCO. Wir hoffen, dass dadurch das Geld zur Verfügung steht, um diese Kunstwerke zu restaurieren und zu erhalten. Von den Eintrittsgeldern wird das kaum möglich sein.

Die Campingplätze am Stausee vor der Bicasz-Klamm locken uns an. Bei diesem schönen Wetter sind die 180 km dorthin locker zu schaffen. Kaum sind wir losgefahren, zieht sich der Himmel rasant zu, erste zackige Blitze erhellen den Himmel. Eine halbe Stunde können wir noch fahren, dann öffnen sich alle Schleusen. Im Schutz von ein paar Bäumen wollen wir schnell in die Regensachen schlüpfen, doch da kommt ein junger Mann aus dem Haus vor dem wir stehen und bittet uns hinein. Die Unterhaltung verläuft schwierig auf Englisch, Rumänisch, Händisch und mit Wörterbuch, aber recht lustig. Der junge Mann heißt Jonas, studiert an der Fernuniversität und finanziert das Studium über einen Vollzeitjob in der nahe gelegenen Uranmine. Jonas meint, das sei schon anstrengend, der Job in der Uranmine auch nicht ungefährlich, aber was soll man machen. Ein Studium kostet mehrere Tausend Euro.

Die eingezeichneten Campingplätze an der Bicasz-Klamm sind mal wieder nicht zu finden, stattdessen bietet sich, als es bereits stockfinster ist, eine Unterkunft in einer Holzhütte an. Endlich begreifen wir, dass die Rumänen mit dem Campingschild ganz oft Hütten meinen. Am nächsten Morgen offenbart ein Blick aus der Tür die absolute Hoffnungslosigkeit. Alles ist trübsinnig grau. Die Motorräder werden im strömenden Regen gepackt, der uns bis S
ighiºoara oder Schäßburgtreu bleibt.

Direkt an der historischen Altstadt, der sogenannten „Burg“, liegt der Campingplatz „Neptun“ mit einem großen Aufenthaltsraum in dem wir unsere nasse Kleidung trocknen können. Helmuts Regenhose ist so undicht, dass ihm das Wasser bis in die Stiefel gelaufen ist. Timo macht einen nicht druckreifen Vorschlag wie Helmut aus den nassen Hosen einen Whirlpool machen kann und beide Kinder spielen mit dem Papa Wasserleiche, als er ihnen seine aufgeweichten Hände zeigt, denn die neuen Regenhandschuhe sind auch undicht. Bis jetzt lassen wir uns von dem miesen Wetter jedoch nicht unterkriegen.



Bei herrlichstem Sommerwetter erkunden wir Sighiºoara zu Fuß. Die Stadt wurde im 12. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen gegründet und strahlt einen maroden Charme aus. Die Pracht der vergangenen Tage ist zum Teil noch zu erahnen, jedoch sehr vom Zahn der Zeit angenagt. In der gesamten Burg herrscht eine rege Bautätigkeit, ganze Straßenzüge werden aufgerissen, das Pflaster erneuert und Häuser frisch verputzt. Vom Stundturm, dem Wahrzeichen der Stadt, genießen wir den Rundumblick auf die Stadt und ihre Umgebung. Die Ausstellungen darin gefallen den Kindern gut, vor allem die alten chirurgischen Instrumente. Sie sind allerdings froh, dass sie in der heutigen Zeit leben und damit keine Behandlung ertragen müssen. Weniger angetan sind die beiden vom Aufstieg auf den Schulberg, wo eine deutsche Schule steht. Die beiden haben schließlich Ferien!

Zurück auf dem Campingplatz wollen wir endlich unsere Wäsche waschen. Allerdings muss zuerst die defekte Waschmaschine ersetzt werden. Die Ersatzmaschine tut es leider auch nicht, man macht sich auf die Suche nach einer dritten. Eine alte Frau bietet an, sich um unsere Sachen zu kümmern, sie bringt uns spät abends alles gewaschen ans Zelt. Wir möchten uns mit einem kleinen Trinkgeld bedanken, dass die Frau anfangs absolut nicht annehmen will. In Anbetracht ihrer Wohnsituation bestehe ich jedoch darauf. Die alte Frau lebt auf dem Campingplatz in einem fensterlosen, winzigen Raum, in dem sie sich kaum rühren kann. Deutlicher kann einem die Altersarmut in Rumänien nicht vor Augen geführt werden.

Auf dem Weg Richtung Sibiu (Hermannstadt) machen wir noch einen Abstecher zur Wehrkirche Biertan, auf dem wir ein kleines Dorf passieren, in dem gerade Kanalisationsarbeiten ausgeführt werden. Durch die seit Tagen andauernden Regenfälle ist der Boden von den Baumaschinen vollkommen aufgewühlt. Ich stelle natürlich im größten Dreck meine Füße ab und bitte daher eine Frau am Dorfbrunnen um etwas Wasser zur Reinigung meiner schlammigen Stiefel. Sie führt mich jedoch in ihren Garten, holt Eimer und Lappen und beginnt meine Stiefel akribisch zu putzen. Es ist lieb gemeint, mir aber undendlich peinlich! Mit den Händen helfe ich mit und freue mich, dass die Frau meine Stiefel unter Wasser setzt, nicht wissend, dass die Crossstiefel nicht wasserdicht sind. So fühle ich mich nicht mehr ganz so versnobt. Nina hat sich inzwischen restlos in einen kleinen rotweißen Stubentiger mit leuchtend blauen Augen verliebt, aber ich schaffe es, meinen Tankrucksack zu verteidigen – die Katze bleibt dort!


Nach der Besichtigung von Biertan fahren wir auf der Suche nach guten Fotomotiven durch das Dorf. Ein etwa 13-jähriger Junge erklärt mit äußerst beredten Händen, wie sehr er mein Motorrad liebt und dass er gerne eine Runde mit mir drehen würde. Da meine Sozia sowieso immer nur über das „hässliche, langweilige Mopped“ lästert, scheuche ich sie runter und gönne dem netten Knaben das Vergnügen. Es gibt ein großes Gejohle, als wir an seinen Kumpels und seiner Familie vorbei fahren. Beim Absteigen zeigt die Körpersprache des Bengels deutlich, wer heute den Ton angibt.

12 km südlich von Sibiu liegt
Cisnãdioara, zu Deutsch Michelsberg. Am Ortsrand, inmitten von kleinen Obstbäumen, an einem Hang gelegen, finden wir Camping „Ananas“. Von dort hat man einen phänomenalen Blick auf die Südkarpaten, auf den kegelförmigen Michelsberg mit der darauf erbauten Basilika und gen Süden auf das Fãgãraº-Massiv mit dem höchsten Berg Rumäniens, dem 2544 m hohen Moldoveanu. Über einen kleinen Trampelpfad erreicht man in wenigen Minuten den Dorfplatz von Michelsberg, an dessen Ende wir bei einer Frau einkaufen, die uns viel über die Siebenbürger Sachsen erzählt. Sie sagt, dass nach der Wende, also 1989 nach der Hinrichtung von Ceauºescu, über 250.000 der deutschstämmigen Siebenbürger das Land verlassen haben. Michelsberg war bis dahin ein Dorf mit 3.500 deutschen Einwohnern. Jetzt sind nur noch 200 übrig geblieben. Die Anderen haben nicht an bessere Zeiten geglaubt.

Timo und ich backen gerade Brot für das Abendessen, da steuert eine Kuh schnurstracks auf das Gartentor zu, stößt dieses mit der Nase auf und beginnt zwischen den Zelten zu grasen. Besonders gut schmeckt es ihr um die Satellitenschüssel eines deutschen Wohnmobilisten herum. Der dicke Hintern stört anscheinend den Empfang, denn plötzlich wird die Tür aufgerissen und der Camper verscheucht das Vieh mit Besen und Geschrei. Unsere Kinder finden hier ihr Paradies, denn später kommen noch zwei zutrauliche Stuten mit einem Fohlen zu Besuch und eine Hündin holt sich mehrmals täglich ihre Streicheleinheiten ab.

Das Freilichtmuseum „Astra“ vor den Toren Sibius ist einen Besuch wert. 340 Gebäude aus dem täglichen Leben sind im Stadtwald Dumbrava um einen See herum aufgebaut. Sie fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Zu Timos und Ninas Verdruss finden die angepriesenen Vorführungen nicht statt. Trotzdem macht es ihnen viel Spaß, die Funktionsweise der Maschinen zu erforschen. Wir schaffen es gerade eben noch, vor dem schlimmsten Regen bei unseren Zelten einzutreffen, doch heute finde ich den Regen doof, meine Familie doof und auch die Leute, die unsere Lebensmittel aus dem gemeinsamen Kühlschrank geklaut haben. Am nächsten Tag ist der Frust in Herrmannstadt (Sibiu) schon wieder vergessen. Über 800 Jahre alt, war Herrmannstadt bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts sehr von ihren deutschen Bewohnern geprägt. Dank der Investitionen von Firmen wie Thyssen-Krupp, Siemens oder Continental boomt heute die Wirtschaft, den Bewohnern geht es sichtbar gut. Im Jahr 2007 war Sibiu Kulturhauptstadt Europas. Aus diesem Anlass wurden der zentrale Hauptplatz „Großer Ring“ und die umliegenden Gebäude hervorragend restauriert, voran getrieben von Klaus Johannis, dem Bürgermeisterimport aus der BRD. Etwas weniger pompös geht es in der benachbarten Altstadt zu, in der sich die kleinen Häuser aneinander drängen.

In den letzten 15 Tagen plagten wir uns häufig mit heftigen Regenfällen und für Siebenbürgen ist keine Wetterbesserung in Sicht. Mein Wetterfrosch Helmut plädiert für einen Schwenk gen Westen. Also wir nehmen die Straßen 74 und 76 unter die Räder, um durch die Westkarpaten Richtung Ungarn zu fahren. Mein Motor macht uns zusätzlich Sorgen. Er hat zwar die letzten 2000 km nicht gemuckt, verbraucht aber 3 l Öl auf 1000 km, womit es den stinkenden Diesel-LKWs heftig Konkurrenz macht! Kurz vor dem Vartop-Pass versuche ich am Straßenrand je 500 g Äpfel und Pflaumen zu kaufen, was die beiden Mütterchen aber mit einem Handstreich energisch von sich weisen. Es geht nur kiloweise, basta!

Im nächsten Ort weist ein Schild auf einen Campingplatz hin. Der „Inhaber“ erklärt in einem wilden Gemisch aus Rumänisch, Englisch und Französisch, dass im Preis von umgerechnet 10 € die Toilette, Dusche und Feuerholz inbegriffen sind und zeigt auf die Wiese mitten im Dorf. Das gefällt uns. Wir suchen als erstes die Toiletten in dem darauf stehenden Haus, doch dort öffnet sich ein Fenster und ein Mann erklärt uns, dass dies sein Haus sei. Erste Zweifel kommen auf. Helmut geht mit den Kindern noch einmal zu dem „Campingplatzbesitzer“, der ihnen die Sanitäranlagen in seinem 200 m entfernten Privathaus zeigt. Bei ihrer Rückkehr ist der Bewohner des Hauses an der Wiese in eine heftige Diskussion mit dem „Campingchef“ verstrickt. Immer wieder wird auf die Wiese gezeigt. Uns wird klar, dass wir es mit einem Schlaufuchs zu tun haben, der mit der Dorfwiese sein Einkommen aufbessern will.

Sollen die Dorfbewohner doch alleine streiten, wir fahren weiter und finden kurz vor der Passhöhe eine wunderschöne kleine Wiese am Bach, ganz für uns allein und kostenlos. Doch allein bleiben wir nicht. Wir beobachten ein Wiesel, das seinen Bau gleich nebenan hat, spät abends, als das Lagerfeuer knistert, schleicht ein großer Hund um unser Lager. Unheimlich leuchten seine Augen in der Dunkelheit. Als Frühstück verspeisen zwei Kühe mit ihrem Kalb unsere letzten Äpfel. Zum Dank besabbern sie unsere Motorradsachen und wollen unbedingt in den Zelten nachsehen, ob es noch mehr Äpfel gibt. Durch gutes Zureden: „Undankbares Vieh, latscht woanders entlang!“ und deutliche Gesten mit einem Stock lassen sie sich umleiten. Zu guter Letzt klappern noch zwei Pferde auf der Straße vorbei. Für Nina und Timo war dies die tollste Nacht und der schönste Platz auf der ganzen Reise. Davon lassen sie sich auch nicht durch den hier, wie leider überall in der Ukraine und in Rumänien, herum liegenden Müll abbringen.

Da noch etwas Zeit übrig ist machen wir für zwei Nächte Station in Prag. Die Stadt ist phantastisch. Wir sind vollkommen begeistert von den gigantischen Bauten, zumal die Sonne vom Himmel brennt. Es ist so heiß, dass Tankwagen die Straßen abfahren, um Wasser über das Pflaster und über die Passanten zu sprühen. Selbst wir genießen einmal die feuchte Abkühlung!

Nach 4800 km und drei Wochen ist unsere Reise beendet. Mein Motor hat zwar -verursacht durch einen Kolbenklemmer, wie sich zuhause heraus stellte - 9 l Öl verbraucht, aber er hat bis zuhause durchgehalten. Das ist allerdings nichts gegen die Fülle an Erlebnissen und netten Begegnungen, die wir auf dieser Reise hatten.

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