Die Motorradfamilie


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Irland 2006 Teil 2

Reiseberichte

Die Strände auf der Weiterfahrt lassen fast ein wenig Südseefeeling aufkommen, genauso wie der Michael Müller es beschreibt. Zudem erstaunt uns auf der R341 Richtung Cliffden immer wieder der Blick über die völlig ebene Seenplatte. Cliffden selber erscheint im fahlen Licht des frühen Abends ein wenig trostlos. Daher schnell weiter zum Hausstrand vom Renvyle Camping. Dort beobachte ich begeistert die enorm schnell wechselnden Wolkenformationen und die damit verbunden Lichtveränderungen. Nur die Schauer kündigen sich nicht mit akut bedrohlich wirkenden Wolkenbergen an, sondern offenbaren sich etwas heimtückisch. Die Wolken kommen mit einer affenartigen Geschwindigkeit über den Berg, fallen höchstens durch einen anderen Grauton auf, um dann plötzlich mit dem allseits bekannten Gießkanneneffekt ihre Schleusen zu öffnen. Genau so abrupt wird der Schauer beendet, kurz bevor man das schützende Zelt erreicht hat.
Der nächste Morgen bringt bedeckten Himmel und trockene 13° C, nachdem es in der Nacht die üblichen heftigen Schauer gegeben hatte. Nun ist leider Packen angesagt und ab geht es in Richtung Nordirland. In Charlestown begrüßt uns der Wirt vom Walsh Public House mit „Where do you come from?“, danach mit Handschlag jeden einzelnen und einem „Oh from Germany, very good, you’re very welcome.“ Da seine Küche kalt ist, verweist uns an das Broadway Restaurant gegenüber, wo wir für 9 EUR sehr gute, gefüllte Chicken und Chickenwings essen. Gut gestärkt nehmen wir die N17 unter die Räder, die ebenso wie vorher die N5 sehr gut ausgebaut ist. Natürlich ist die Verkehrsdichte auf den Nationalstraßen ungewohnt hoch, weil die meisten wohl die Nebenstraßen meiden und lieber die gut ausgebauten Hauptrouten nehmen. Am Ende des Tages wird auf jeden Fall ein neuer Rekord von 256 gefahrenen Kilometern auf der Insel zu Buche stehen. In Sligo wird nur kurz getankt. Ansonsten gewinnen wir bei der Durchfahrt auf der Hauptstraße keinen besonders angenehmen Eindruck. Wahrscheinlich muss man wirklich die besondere Lage von Sligo von einem Berg aus begutachten.

Als wir auf der N15 wieder einmal in einer langen Schlange hinter einem Schwertransport hängen, halte ich kurz an um lieber mal die Strände genauer anzuschauen, die ich schon die ganze Zeit sehnsüchtig beobachte. Ich werfe Heike einen Blick zu und los geht’s Richtung Mullaghmore, einem kleinem Ort auf einer Halbinsel, die von wunderbaren Stränden gesäumt ist. Außerdem gibt es eine sehr fotogene, nicht näher benannte Burg aber leider keinen Campingplatz. Also können wir nicht bleiben. Weil sich mittlerweile das Wetter von seiner sonnigen Seite zeigt, fahren wir trotzdem einmal um die Halbinsel herum und nutzen das fantastische Licht für eine kleine Fotosession, bevor wir uns wieder auf die Kühe schwingen.

In der Michelin- und der irischen Karte ist der nächste Camping Park in Bundoran eingezeichnet, aber nach mehrmaligem Durchfahren des Ortes und Nachfragen bei diversen Personen stellen wir fest: Hier gibt es ebenfalls keinen Campingplatz. Eine Frau aus einem Outdoorladen sagt uns nachfolgend, dass in Ballyshannon, dem Geburtsort des legendären Rockmusikers Rory Gallaghers, ein Campingplatz existiert und beschreibt sehr exakt den Weg dorthin. So finden wir doch eine Wiese für die Nacht, auf der unsere sturmerprobten Behausungen errichtet werden. Der Platz ist an einem Stausee gelegen, sehr gepflegt, allerdings erweist er sich mit 26 € pro Nacht als recht teuer, zumal die Duschen offen wie in der Provence sind. Der Patzwart schwärmt uns viel von Irlands Norden vor, erarbeitet eine Route zu vielen Sehenswürdigkeiten und Campingplätzen der Region und rechnet danach aus, wie wir locker in der verbleibenden Zeit unsere gebuchte Fähre in Dublin erreichen würden. Für die 190 Meilen vom Giant’s Causeway über Bushmills und der Antrim Coast Road nach Dublin braucht man nach seiner Rechnung nur 3 Stunden. Wir würden seinen Vorschlägen gerne Folge leisten, können aber nicht fliegen. Deswegen sind wir der Meinung, dass weniger in manchen Fällen mehr ist und heben uns z. B. die Halbinsel Inishowenlieber für den nächsten Irlandtrip auf.

In der Nacht ziehen wieder wie gewohnt heftige Schauer mit Sturmböen übers Land. Nach einem letzten morgendlichen Guss kommt die Sonne raus und beschert mir bei satten 15C° und Sonne ein Frühstück im Freien, während es der Rest der Familie vorzieht im Zelt zu dinieren. Der Luftdruck ist mittlerweile auf 1009 hPa gestiegen, da unser Standort aber etwas über dem Meeresniveau gelegen ist, dürften es sogar 1014 hPa sein. Also schnell auf die Mopeds, es wird bestimmt nicht trockener.

Auf der bestens präparierten N15 geht die Reise weiter nach Donegal und durch die baumlose Hochmoorlandschaft von Barnesmore Gap. Sie übt nicht nur das besondere Flair von Moorlandschaften aus, sondern ist durch die Seen und den Blue Stack Mountains im Hintergrund sehr interessant. Wir beschließen nicht durch Londonderry, sondern auf der N15 weiter nach Strabane zu fahren. Hier kann man einerseits mit Erstaunen feststellen, dass es keinerlei Grenzkontrollen mehr zwischen Irland und Nordirland gibt. Haben die etwa ein Pendant zum Schengener Abkommen? Andererseits sind wir mit jeglichen, vorstellbaren Horrormeldungen aus Nordirland groß geworden und würden uns gerne endgültig von diesem leidvollen Thema vor Ort verabschieden. Also sind wir froh derart über die Grenze zu gelangen. Da wir glücklicherweise auch unsere Benzinfässer kurz vorher voll getankt hatten, herrscht nun eitel Sonnenschein, bis…

auf der B45 das Drama mit dem Fasan folgt. Das arme Tier liegt schwer verletzt und flugunfähig im Graben. Die Frauen der Familie halten sofort an, Heike schnappt sich das Tier, setzt sich hinter mir auf mein Moped und sagt: „Ab ins nächste Tierhospiz“. Mit wenig Hoffnung wirklich einen Tierarzt zu finden oder einer Wunderheilung des Vogels beizuwohnen, wollen wir ihn zumindest bei einem Farmer unterbringen, der ihm vielleicht fachmännisch zu einem kurzen Tod verhilft. Der erste Farmer, ein alter, knorriger Typ, macht sofort den Eindruck als ob er den Fasan schon am selben Abend in die Pfanne haut. Weit gefehlt: „Nein, auf gar keinen Fall kann ich diesem schönen Tier den Gurgel umdrehen“, erklärt er im breitesten, nordirischen Slang und gibt damit einen Vorgeschmack auf zukünftige, anspruchsvolle Gespräche in Nordirland. Im Angesicht unserer teils fragenden Blicke erklärt er daraufhin mit Händen und Füßen, wo die nächsten Nachbarn von ihm zu finden sind. Also wieder rauf auf die BMW, Kritiker haben ja schon immer gesagt, das sind landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge, und weiter geht’s zum nächsten Nachbarn. Dieser ist nicht da, dafür erhält Heike immer mehr Gratisausbildung im Festhalten von verwundetem Federvieh.
Endlich ist es wieder soweit. Wir erwischen den nächsten Farmer auf seinem Hof. Diesmal ist es einer von der Sorte Schlachtermeister, zumindest was seine Figur angeht, und was verkündet er umgehend: Auf keinen Fall könnte er diese niedliche Tier töten, aber er hat ein Gewehr, vielleicht möchten wir es gerne erschießen? Da wir dankend ablehnen, fällt ihm letztendlich doch eine Lösung ein, die uns ein wenig erleichtert. Er würde einen Hühnerfarmer in der Nähe kennen, zu dem er den Fasan bringen könnte. Gesagt, getan, bevor er es sich doch anders überlegt, drückt ihm Heike den Vogel in den Arm und schwingt sich wieder auf unser Nutzfahrzeug. Der Farmer bedankt sich mehrmals überschwänglich dafür, dass wir ihm einen schwer verletzten Vogel gebracht haben, den er nun auf seine letzte Reise bringen kann. Unter wütendem Gekläffe seines Hofhundes verlassen wir flink die von Kuhfladen gepflasterte Hofeinfahrt. Vielleicht schafft der Hühnerexperte es ja sogar den Fasan noch einmal aufzupäppeln.

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Hinter Claudy führt die B69 durch Hochmoor und Heidelandschaft und gönnt dem langsamen Fahrer zudem immer wieder Ausblicke auf Lough Foyle und die dahinter liegende Halbinsel Inishowen. Portrush, den ziemlich überlaufenen und unansehnlichen Ferienort an der Küste, lassen wir schnell hinter uns. So erreichen wir Dunluce Castle noch rechtzeitig, um es kurz im weichen Licht der Abendsonne genießen zu können und bei den Kindern Vorfreude auf die Erstürmung der Burg zu wecken. Die Lage ist wirklich äußerst spektakulär.
Abends in Bushmills gibt es erstmal die englische Alternative zu ‚Currywurst, Pommes rot, weiß’ und die lautet selbstredend ‚Fish and Chips’. Einmal muss man dieses Kultessen probieren, sonst kann man schließlich nicht mitreden. Also startet fast die komplette Familie den Selbstversuch. Nur Timo wählt lieber einen altbewährten Cheeseburger. Als Resumee bleibt: Alles halb so wild, nicht eklig, nicht lecker, nur ein wenig ungewohnt, aber ein bisschen Kultur muss eben sein.
In Bushmill werden wir das einzige Mal bewusst mit der traurigen Vergangenheit konfrontiert. Die Polizeiwache des kleinen Ortes sieht aus wie ein Hochsicherheitstrakt. Hohe Mauern umgeben das Gebäude, überkront mit langen Spiralen aus Stacheldraht. Dank des Belfaster Friedens werden auch die letzten Polizeistationen alsbald der Abrüstung zum Opfer fallen.

Heute sind wir früh am Dunluce Castle. Von Außen ist nicht festzustellen, welch eine riesige Anlage sich hinter den wehrhaften Burgmauern verbirgt. Im 16 und 17 Jahrhundert war sie der irische Stammsitz des kämpferischen McDonnell Clans. Während dieser Zeit kamen sie zu unverhofftem Reichtum. 1588 strandete am Giants Causeway das Schatzschiff der spanischen Armada. Mit den Erträgen der Plünderung sanierten sie ihre Festung, die in der Folgezeit sämtlichen kriegerischen Auseinandersetzungen trotzte. Zu einer Fehde mit einer höheren Macht kam es 1639. Ein Unwetter brachte den am Abgrund schwebenden Küchentrakt zum Absturz. Anscheinend hatten die Burgherren das Geld auf der falschen Seite angelegt. Kurz darauf wurden die Gemäuer aufgegeben.

Timo möchte unbedingt die spektakuläre Hängebrücke Carrick a-Rede malen. Umso größer ist die Enttäuschung als wir hören, dass die Brücke für Kinder wegen der Windgeschwindigkeit von über 30mph geschlossen ist. Nina und Timo sind stinksauer und wollen die Brücke ohne Zutrittsmöglichkeit überhaupt nicht sehen.

Damit bleibt heute „nur“ noch das Weltkulturerbe Giants Causeway übrig. Hier schuf ein Vulkanausbruch vor über 60 Millionen Jahren eine einzigartige Landschaft. Auf einem ca. 6 km langen Küstenstreifen kann man etwa 40.000 vier- bis achtseitige Basaltsäulen bewundern, die eine Höhe von bis zu 12 m erreichen. Der irische Volksmund liefert eine Entstehungsgeschichte, die den Kindern besser gefällt. Demnach hatte ein Riese einen Damm über die Irische See zur schottischen Insel Staffa gebaut, um seine Angebetete herüber zu holen. Heute kann man für 90 Pence pro Person in einem Bus von den Klippen herunterfahren, oder sich wie wir für den Fußmarsch entscheiden. Unten angekommen stürzt sich Timo bei seinen Kletterübungen auf den Riesenstufen fast direkt ins Wasser. Zumindest sieht es aus der Ferne so aus, denn natürlich haben die Kinder ihre Eltern mal wieder abgehängt. Die „Alten“ genießen dagegen die Vorteile der fortgeschrittenen Tageszeit, wenig Touristen und warmes Abendlicht.

Am nächsten Morgen steht die Besichtigung der Old Bushmills Distillery auf dem Programm: Im Gegensatz zum Jameson Museum wird hier weiterhin richtig produziert. Der Herstellungsprozess ist wie beim Deutschen Bier seit Jahrhunderten unverändert. Daher ist dieser Touch der Ursprünglichkeit immer noch vorhanden. In 10 Kübeln je 60.000 Liter wird die Maische verarbeitet, es lagern 200.000 Fässer dort, von denen der Großteil gefüllt ist. Die anderen werden für die laufende Produktion benötigt. Auf der einen Seite ist es also eine riesige, moderne Anlage, aber andererseits kann das Reifen des Whiskeys in den Fässern zum Glück nach wie vor nicht simuliert werden. Abgesehen von den günstigeren Blended Whiskeys ist es notwendig, die edlen Tropfen 10, 12, 16 und 21 Jahre in den Fässern reifen zu lassen. Die 16 und 21 Jahre alten Whiskeys lagern in Sherry, Port und Bourbon Fässern und erhalten so eine Fülle an Geschmacksstoffen und sind durch die Umlagerung und der längeren Lagerzeit teilweise erheblich teurer. Letztendlich zahlt sich die Geduld dann doch aus und es verlassen 500.000 Flaschen Whiskey pro Woche die Destillerie. Da sich die Preise auf deutschem Niveau befinden, begnügen wir uns hier ebenfalls mit der obligatorischen Probepackung.

Ausnahmsweise bin ich hart gegen mich selbst und verzichte auf Fotos im malerischen Fischerdorf Ballycastle. Wir möchten stattdessen unbedingt die Sonne erreichen, die sich als Silberstreif am Horizont abzeichnet und sich rechtzeitig zum landschaftlichen Highlight des Tages durchsetzt. Es handelt sich um ein schmales Sträßchen zum Torr Head. Zuerst ist die Strecke sehr gut, knapp 2spurig und neu ausgebaut, man kann richtig die Kurven kratzen. Dann am Torr Head, hoch über dem Meer, folgt die Ernüchterung: Rollsplit taufrisch, sehr tief, teilweise sieht man noch den frischen Teer darunter, hinzu kommen steile Gefällstrecken mit ca. 20 % Gefälle bzw. extreme Steigungen, Spitzkehren, das ist schon heftig mit der schweren Fuhre und erfordert volle Konzentration. Da Heike nicht meine Schottererfahrung hat, kann ich mir gut vorstellen, wie es in ihr vorgeht. Ich kann zum Glück trotzdem die super Aussicht ein wenig genießen. Die geht bei der glasklaren Luft bis zu den schottischen Inseln. Dann endlich kommt das Ende vom Rollsplit, eine Pause zum Durchatmen in Cushendun, bevor ein paar Kilometer weiter wieder Rollsplit bis zur Hauptstrasse folgt. Schade, aber hierher werden wir sicherlich irgendwann zurückkehren.


Was folgt ist der totale Kontrast: Die A2 führt immer unten am Meer entlang, ist sehr gut ausgebaut und fahrerisch ein Genuss; außerdem – liegt noch nicht einmal ein Krümel auf dem griffigen Asphalt. Daher kann man den Blick auch mal in die lieblichen Glenns of Antrim schweifen lassen.
Da wir beschlossen haben eine weitere Übernachtung auf dem Weg nach Dublin einzusparen, entfällt die Besichtigung der mächtigen Normannenfestung Carrickfergus. Nach ein paar Kilometern Stop and go in der Rush Hour von Belfast erreichen wir über den M1 die Peripherie von Dublin.
In Rush ergattern wir einen Stellplatz direkt an dem weitläufigen Sandstrand. Der letzte Tag auf der Grünen Insel ist dem Relaxen gewidmet: Strand, Lesen, Bummeln, Einkaufen im Dorf und früh Schlafen ist der Tagesablauf, denn unsere Fähre von Dun Laoghaire fährt früh am Vormittag. Es wird ein Abschied mit Wehmut, woran auch die Rückfahrt durch Wales nichts ändern kann. Irland erhält auf jeden Fall einen würdigen Platz neben unseren nordischen Lieblingsländern.

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