Die Motorradfamilie


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Baltikum 2005

Reiseberichte

Back to the roots

Text: Heike Kaitinnis

„Guck dir mal den rostigen Kahn an, Mama! So eine mickrige Fähre hab ich ja noch nie gesehen!“ „Das ist unsere Fähre, mein Kind.“ „Du spinnst!“ Dieser nette Dialog entspinnt sich zwischen meiner Tochter Nina und mir, als wir in Kiel auf die Fähre Richtung Klaipeda zurollen. Gegen die uns bestens bekannten Fähren der skandinavischen Linien ist dieses Schiff wirklich klein, es bietet auch deutlich weniger Komfort. Es gibt nur ein Restaurant und eine Bar in der sich alle Passagiere vergnügen. Wir beobachten bis spät abends sehr interessiert die Bemühungen der baltischen LKW-Fahrer die Bar zu leeren. Da sie offensichtlich erfolglos sind, machen sie am nächsten Morgen bereits vor dem Frühstück weiter. Nach dieser Studie werden wir uns in den nächsten Wochen jedenfalls nicht mehr über das Fahrverhalten der LKW-Fahrer wundern! Die Fähre ist nicht, wie von Nina befürchtet, untergegangen, sondern kommt planmäßig in Klaipeda an. Dort bringen wir ganz schnell viel Abstand zwischen die Spritdrosseln und uns. Der Weg vom Hafen durch die Außenbezirke Klaipedas führt uns vorbei an großen Industriebetrieben, riesigen Plattenbauten und auf der Suche nach einem Geldautomaten, durch ziemlich trostlose Vorortsiedlungen. Wir fahren ein paar Kilometer an der Küste entlang Richtung Norden zu einem kleinen Campingplatz in Karkle, doch der Platz ist komplett voll! Es wird gerade ein Fest gefeiert mit Live-Musik, Grillständen und Bierbuden. Aber im Baltikum ist man unkompliziert, wir dürfen unsere Zelte etwas abseits auf einer ansonsten ungenutzten, buckligen Wiese aufstellen.


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Zum Campingplatz gehört ein kleines Restaurant mit einer urigen Holzterrasse, das uns preiswert mit leckeren Speisen und kühlem Bier versorgt. Obwohl ich im Urlaub immer sehr neugierig bin und fast alles esse was auf den Teller kommt, wage ich mich nicht an die auf der Speisekarte angebotenen Schweineohren heran. Die Toiletten sind dem Ansturm der Gäste nicht gewachsen. Drei Plumpsklos stinken so gewaltig, dass man die Luft anhalten musst, wenn man sich ihnen auf mehr als 5 Meter nähert. Zum Glück gibt es noch zwei Toiletten mit Wasserspülung. Dort musst man nur die Luft anhalten bevor man hinein springt, vor der Ohnmacht fertig werden und draußen wieder tief durchatmen. Diese Urlaubsreise ist für Helmut und mich in zweierlei Hinsicht eine Tour zurück zu unseren Wurzeln. Es ist, nach 10 Jahren Gespann fahren, die erste Reise mit unseren Kindern als Beifahrer auf zwei Solomaschinen. Als leidenschaftliche GS-Fahrer können wir endlich wieder mit unseren Enduros auf Wanderschaft gehen.


Außerdem wollen wir die Heimat von Helmuts Vorfahren besuchen, die während des zweiten Weltkrieges aus dem Memelland flüchten mussten. Helmuts Vater hat uns genau beschrieben, wo wir sein Elternhaus suchen müssen und hofft, dass es noch steht. Über Schotterstraßen mit viel Wellblech nähern wir uns dem früheren Groß Jagschen, einem Nachbarort von Plikiai. Helmut ist sich sofort sehr sicher, den alten Bauernhof seines Großvaters gefunden zu haben, doch wir fragen sicherheitshalber bei ein paar Leuten nach, die wir gut einen Kilometer weiter antreffen. Schnell sind wir von einer großen Schar Menschen umringt, die hier gerade eine Hochzeit feiern. Eine Frau kann uns bestätigen, dass das Haus neben dem Bauernhof tatsächlich die alte Dorfschule ist, die mein Schwiegervater besucht hat und so wissen wir, Helmuts „Wurzeln“ gefunden zu haben. Zum Abschied lasse ich mir einen guten Wunsch für die Brautleute auf lettisch beibringen. Dem anerkennenden Klatschen auf meine Worte folgt lautes Gejohle und dem Bräutigam wird kräftig auf die Schultern geklopft. Wahrscheinlich habe ich ihm viel Erfolg in der Hochzeitsnacht gewünscht! Wir begutachten noch ausgiebig Helmuts ehemaliges Erbstück, die davor nistende Storchenfamilie und die schöne Landschaft ringsherum. Dennoch müssen uns eingestehen, dass wir es mit unserem jetzigen Haus besser getroffen haben. Man fühlt sich im Baltikum wie auf einer Reise in die Vergangenheit. Es gibt sehr wenige Zäune und noch viel unkultiviertes Land, immer wieder unterbrochen von kleinen Wäldchen. Auf dem Land und in den kleinen Dörfern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wahrscheinlich sah es hier nicht anders aus, als mein Schwiegervater barfuss über die Wiese zur Schule ging, doch hat überall der Sozialismus seine Spuren hinterlassen. Viele Häuser stehen grau in grau nebeneinander, etwas Pflege, Farbe und das entsprechende Geld dafür würde ihnen gut tun. Mit vielen Fotos für Helmuts Vater verlassen wir diesen beschaulichen Ort um noch ein Stündchen am Strand zu verbringen.

Der nächste Tag führt uns auf die Kurische Nehrung. Hier sind die Ortschaften bildhübsch und wunderbar gepflegt, man sieht, dass durch den Tourismus immer genug Geld hierher floss. Nach dem obligatorischen Bernsteinkauf bestaunen wir die bunten Fischerkaten Nida’s mit ihren üppigen Blumengärten und genießen bei strahlendem Sonnenschein den Ausblick über die große Düne auf das Meer. Wer schon einmal in der Sahara war, kann über den Ausdruck „Litauische Sahara“ nur schmunzeln, aber wir verstehen trotzdem, dass diese einzigartige Landschaft seit langem Abenteurer und Künstler in ihren Bann zieht. Speziell in Nida informieren Galerien, Museen, unter anderem das Thomas-Mann-Haus, über das Leben und Wirken der Menschen auf der Nehrung. Unser Reiseführer warnt vor den Radarfallen auf der Strecke zwischen Nida und Smyltine. Wir können diese Warnung bestätigen. Helmut wähnt sich schon längst außerhalb Nidas, gibt Gas - schwupps, die Polizei hat’s doch gesehen und fordert 30 € aus unserer Reisekasse.

Bevor wir den Zemaitija Nationalpark ansteuern, machen wir noch Station in Palanga, einem quirligen Seebad mit herrlichem Sandstrand, der jedoch nicht überlaufen ist. Unsere Motorräder stellen wir voll bepackt an der Straße vor dem Bernsteinmuseum ab. Die dort gezeigte Ausstellung zur Entstehung und Verarbeitung von Bernstein, dem Gold der Ostsee, ist sehr sehenswert. Für Nina und Timo ist es auch spannend, gibt es doch genügend Exponate mit eingeschlossenen Insekten zu bewundern. Als wir nach zwei Stunden auch noch unser Gepäck unberührt auf den Motorrädern wieder finden, fahren wir zufrieden über Plunge in den 21.000 qm großen Zemaitija Nationalpark ein. War Litauen bisher eher flach, schlängelt sich hier eine schöne Schotterstraße durch die hügelige Landschaft. Zahlreiche Seen liegen eingebettet in der waldreichen Gegend. Im größten See, dem Plateliu – See, machen wir an einem winzigen Sandstrand eine Badepause und suchen uns gegen Abend einen Biwakplatz direkt am See. Wenige kleine Gruppen haben ihre Zelte aufgestellt um die Ruhe zu genießen – denken wir zumindest, bis eine Gruppe junger Leute aus den Boxen ihrer Autos litauische Popmusik dröhnen lässt. Das stört auf der anderen Seite des Platzes die Freunde der litauischen Volksmusik, die sich gezwungen fühlen, ihrerseits die Lautstärke ihres Autoradios zu erhöhen. Jetzt ist der offene Wettkampf ausgebrochen! Die Pop - Fraktion holt Verstärkung und kommt mit Disco tauglichen Boxen zurück, dafür wird auf der anderen Seite ein weiteres Autoradio auf den Volksmusiksender eingestellt. Abends um zehn werden wir immer noch von beiden Seiten zugedröhnt, die Stimmung ist dank Hochprozentigem in beiden Lagern stark gestiegen und an Schlafen ist überhaupt nicht zu denken. Wir packen im Schein der Stirnlampen unsere Siebensachen und müssen leider den Park auf der Suche nach einem Schlafplatz verlassen, denn Wildcampen ist hier verboten.

Die Kinder finden es furchtbar unheimlich in stockfinsterer Nacht das Zelt aufzubauen. Es sind nirgendwo Lichter zu sehen, nur Dunkelheit umgibt uns und aus allen Richtungen dringen leise Geräusche von Tieren zu uns. Also müssen Helmut und ich jeweils mit einem Kind ins Zelt kriechen. Es ist nach Mitternacht und alle schlafen sofort ein. Wir haben etwas Essbares und acht Liter Wasser dabei. Das reicht für ein ausgiebiges Frühstück mit Kaffee und zur Enttäuschung der Kinder sogar für die morgendliche Toilette. Das warme Licht der Morgensonne offenbart uns, welchen schönen Platz wir uns ausgesucht haben und unsere Kinder verstehen die Angst der letzten Nacht selber nicht mehr. Bei Maþeikiei überqueren wir die Grenze zu Lettland und steuern den Campingplatz von Jûrmala an.

Von hier aus kann man mit dem Motorrad relativ schnell die Altstadt von Riga erreichen. Unsere GS stellen wir den Wachleuten eines feudalen Hotels vor die Nase, sicher, dass sich unter deren Argusaugen niemand auch nur in die Nähe der Motorräder wagt. Wir machen uns auf zu einem Rundgang über das Kopfsteinpflaster der sehenswerten Altstadt, in der man wunderschön restaurierte Häuser verschiedener Baustiele bewundern kann. Obwohl sich das bisher gute Wetter verabschiedet und der Himmel sich immer mehr bezieht, spielt sich ein buntes Treiben auf der Straße ab. Die Tische der Cafés sind gut gefüllt, Straßenhändler bieten an ihren kleinen Ständen Eis, Obst, Kleidung, Schmuck und Bernstein an und an jeder Ecke unterhält ein Musiker die Passanten.

Zum Glück gehören Nina und Timo zu der äußerst seltenen Spezies Kind, die stundenlang ohne zu murren durch alte Städte rennt und das auch noch toll findet, so können wir den Bummel durch diese herrliche Stadt ohne schlechtes Gewissen genießen. Das interessanteste Gebäude ist für die Kinder der Pulverturm, denn in seinen Mauern stecken noch die Kanonenkugeln, die den Turm eigentlich zerstören sollten. Es kommt Helmut und mir sehr entgegen, dass die meisten Kugeln so weit oben im Gemäuer stecken, dass Timos Pläne zum Herausbrechen und Abtransport derselben per Motorrad, im Keim erstickt werden. Inzwischen hat sich der Himmel komplett verdunkelt und die ersten Regentropfen fallen. Wir suchen uns ein Plätzchen unter der Markise eines Cafes, wo die äußerst unfreundliche Kellnerin sich herablässt uns ein paar heiße Getränke zu servieren. Kaum steht der Kaffee auf dem Tisch, öffnen sich alle Schleusen und es schüttet wie aus Kübeln. In olympischer Geschwindigkeit retten die Straßenhändler ihre Waren vor den Sturzfluten während die Passanten an ihnen vorbei hasten. Nur die jungen Frauen, die nie zu frieren scheinen, flanieren in ihren kurzen Röcken und knappen Tops vorbei als ob nichts wäre. Diese Haltung kann ich nur bewundern!

Unsere nächste Station ist der Gauja-Nationalpark, den wir bei Sigulda erreichen und auf kleinen, teilweise unbefestigten Straßen durchfahren. Die Gauja windet sich durch dicht bewaldete Hügel und lädt zum baden ein. An ihren Ufern findet man viele Biwakplätze an denen man sein Zelt aufschlagen kann. Am Wochenende werden diese allerdings stark von Ausflüglern genutzt, die nicht alle nur Ruhe und das Naturerlebnis suchen. Wir wollen deshalb lieber auf dem Campingplatz bei Cçsis übernachten und nutzen natürlich die bekannte Holzfähre bei Lîgatne, die nur durch die Strömung angetrieben wird, um die Gauja zu überqueren. Der Campingplatz liegt sehr idyllisch an einer Biegung des Flusses und weist sogar einen kleinen Sandstrand auf. Die Sanitäranlagen sind absolut spartanisch aber sauber und das Duschwasser ist warm – mehr braucht man nicht.

Wir mieten uns ein Kajak und paddeln flussabwärts. Es macht unheimlichen Spaß mit vier PS (Paddelstärken) durch das Wasser zu gleiten und nur dem plätschern des Wassers oder dem Gesang der Vögel zu lauschen. Es ist allerdings nur stellenweise so beschaulich, an manchen Teilen der Gauja geht es zu wie auf der Autobahn. Ganze Kolonnen von Kanus und Schlauchbooten sind unterwegs, beladen mit Unmengen von Lebensmitteln und Getränken – davon nicht wenige stark alkoholhaltig. Sommerzeit ist Partyzeit und Partys feiern die Balten draußen. Entsprechen laut und fröhlich ist die Stimmung auf den Booten. Man feuert sich gegenseitig an, ob zum paddeln oder trinken lässt sich nicht genau feststellen. Die lustige Bootsfahrt wird durch einsetzenden Regen unterbrochen und wir sind froh, den verabredeten Abholplatz an der kleinen Holzfähre zu erreichen, denn inzwischen ist es kalt geworden und es schüttet wieder. Leider erscheint der Transporter nicht wie verabredet, sondern erst gut eine Stunde später. Inzwischen ist es ziemlich ungemütlich geworden, aber wir können uns zum Glück auf dem Campingplatz in unseren Schlafsäcken aufwärmen.

Unsere Reise durch Estland nimmt nach einer Nacht auf einem hübsch gelegenen Campingplatz bei Pärnu ein jähes Ende, denn als wir morgens aus den Zelten kriechen blicken wir auf eine Seenlandschaft. Während wir unsere Zelte räumen regnet es ununterbrochen. Glücklicherweise gibt es einen großen Unterstand, der normalerweise für Grillfeste genutzt wird. Wir parken die Motorräder zum Packen unter dem Dach, so bekommen wir unsere Sachen einigermaßen trocken verstaut. In Pärnu dürfen wir den Rezeptions – PC eines Hotels benutzen um die Großwetterlage zu checken. Es sieht gruselig aus! Über dem gesamten Baltikum, über Finnland, Schweden und Deutschland hängt ein gewaltiges Tief, ein Sturm wird vorausgesagt und keine Besserung in Sicht. Wir beschließen, über Polen nach Hause zu fahren, in der Hoffnung auf ein paar schöne Tage, denn von Süden nähert sich zaghaft ein Hoch.

Über die E 67 mit endlos langen Baustellen kämpfen wir uns zwei Tage durch Sturm und Dauerregen Richtung Süden, während die LKW’s an uns vorbei rasen als ob nichts wäre. Helmut und ich stellen fest, dass unsere Regensachen nicht mehr dicht halten und das Wasser sich unbarmherzig einen Weg bis auf unsere Haut sucht. Wir machen uns Sorgen wegen der Kinder, aber die melden per Sprechanlage: alles trocken und warm. Timo findet es sogar toll bei diesem Wetter zu fahren, er sagt zu Helmut: „Papa, mach dein Visier zu. Ich höre so gerne, wenn der Regen bei dir auf das Visier prasselt!“ Richtig Spaß haben wir, als das erste Fahrzeug an einer Baustellenampel bei Grün nicht anfährt. Beim Blick in die Fahrerkabine sehen wir, dass der Fahrer eingeschlafen ist. Timo meint hierzu: „Cool, so was erlebt man auch nur, wenn man mit euch unterwegs ist.“ Worauf der Fahrer voller Stolz leicht errötet. Bei einem Stopp an einem kleinen Rasthof sehen wir in den Nachrichten, dass der Sturm mittlerweile ein ausgewachsener Orkan geworden ist. Dort, wo wir vor kurzem noch entlang gefahren sind, liegt jetzt eine dicke Schicht Hagelkörner, wurden Dächer abgedeckt und Bäume entwurzelt. Wir haben wohl verdammt viel Glück gehabt. Triefend nass kommen wir an unserem kleinen Holzhaus in Masuren an, dass wir in Suwalki gebucht haben. Wir brauchen zwei Tage, um unsere Kleidung und Zelte zu trocknen. Es ist immer noch kalt, aber Sturm und Regen lassen allmählich nach.

Auf der Heimfahrt besuchen wir Malbork mit der fantastischen Marienburg. Diese gewaltige Burganlage war Sitz des Deutschen Ordens und wurde nach den weitreichenden Zerstörungen während des zweiten Weltkrieges liebevoll wieder hergestellt und saniert. Die Unesco erklärte die Anlage 1997 zum Weltkulturerbe und sie zieht berechtigt viele Besucher aus aller Welt an. Zum Abschluss unserer Reise gönnen wir uns noch drei Badetage am Templiner See südlich von Potsdam, denn inzwischen hat uns das Hoch eingeholt und verwöhnt uns mit Sonne und Wärme, was wir uns auch redlich verdient haben.

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