Die Motorradfamilie


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2014 Marokko

Reiseberichte

Berauschendes Marokko

Text: Heike Kaitinnis

Das Königreich Marokko bietet dem Reisenden einen Korb voller Kontraste. Atemberaubende Bergwelten wechseln sich mit weiten Ebenen ab, auf üppige Vegetation folgt staubtrockene karge Steppe und die Begegnungen mit den Menschen fordern ihn jeden Tag aufs Neue.


Der Wunsch Marokko zu bereisen, stand für Helmut und mich schon lange, doch wir hatten nicht erwartet, dass uns dieses Land so sehr begeistern würde. Schon am ersten Tag fallen uns die starken Gegensätze im Land auf. Wir haben den neuen Fährhafen von Tanger in Richtung Al Hoceima verlassen und treffen an der Küste auf schicke Badeorte, die Mitte April noch verlassen vor uns liegen, im Sommer aber aus allen Nähten platzen. Marokkaner, die es sich leisten können, machen hier Urlaub. Der junge Mann, der seine Dromedare zwischen den Bungalows weiden lässt, oder der Bauer, der seinen Acker auf der anderen Straßenseite mit einem Esel bearbeitet, werden sich einen Aufenthalt in der Anlage sicher nie leisten können. Die Küstenstraße, versehen mit allerfeinstem Asphalt, schwingt sich in weiten Kurven und stetigem Auf und Ab am Meer entlang. Wir kommen flott voran, genießen das Fahren und die Ausblicke auf das blaue Wasser. In regelmäßigen Abständen trifft man hier auf Polizeistationen, die wie ausgestorben daliegen, fährt man doch am berühmt, berüchtigten Rifgebirge entlang. Im warmen Licht der Abendsonne erreichen wir den kleinen Fischerhafen von El Jebha, der geschützt unterhalb einer Felswand liegt.

Hier treffen wir Heidi und Friedel wieder, mit denen wir uns auf der Fähre bereits nett unterhalten haben. Sie haben ein Hotelzimmer mit eigener Dusche für 100 Dirham gefunden. 9 Euro für ein Doppelzimmer hört sich gut an, wir ziehen auch in dem Hotel ein. Das Zimmer ist sauber, aber aus dem Abfluss der Dusche stinkt es fürchterlich. Einige Lagen Taschentücher und ein umgestülpter Eimer schaffen zumindest ein wenig Abhilfe. Helmut führt alle zum Hotel Elmamoun, wo wir auf der Dachterrasse mit Meerblick zwischen vielen Kissen Platz nehmen um unsere erste Tajine zu genießen. Die Tajine ist ein Tongefäß, in dem verschiedene Gemüsesorten, Kartoffeln und Fleisch langsam gegart werden. Besonders köstlich wird sie, wenn noch mit Zimt gewürzte Pflaumen dazu kommen. Es wird eine kurze Nacht, da der Muezzin direkt vor unserem Fenster um 5:30 die Größe Allahs verkündet. Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege wieder, denn Helmut und ich können den Verlockungen der kleinen weißen und gelben Straßen, die sich von Tarquist Richtung Süden schlängeln, nicht widerstehen.
Wir haben die Warnungen von Freunden im Ohr, besser nicht durch das Rifgebirge zu fahren und wenn, dann auf keinen Fall dort anzuhalten. Es kursieren immer noch wilde Gerüchte über Marihuana, dass dem Reisenden untergeschoben wird um dann bei der nächsten Polizeikontrolle wieder aufzutauchen und für Ärger zu sorgen. Solche abenteuerlichen Geschichten überprüfen mein Mann und ich gerne auf ihren Wahrheitsgehalt. Als erstes fällt uns jedoch auf, dass die Menschen abseits des Tourismus an der Küste unglaublich arm sind. Ihre winzigen, aus Lehm erbauten Häuser, muten eher wie Ställe an, Bauern leisten Schwerstarbeit, indem sie ihre kleinen, steinigen Parzellen mit der Hacke in der Hand bearbeiten. Ein Mann ist in der glücklichen Lage mit 2 Eseln pflügen zu können. Der Pflug ist aus Metall- und Holzteilen, die Deichsel aus einem Wasserrohr selbst gebaut. Not macht erfinderisch. Irgendwann passieren wir auf einer staubigen Straße ein kleines Dorf, in dem wir Szenen sehen, die wir im tiefsten Afrika erwartet hätten aber nicht in Marokko mit seinen modernen Großstädten. Geschäfte in winzigen Wellblechverschlägen und Autowerkstätten, in denen Altöl den gesamten Boden als zähe schwarze Masse bedeckt und seinen Weg bis nach draußen zur Straße gefunden hat. Die Mechaniker waten in Flip Flops durch diese Pampe und die Mienen der Bewohner wirken eher abweisend, sodass wir den Ort ohne anzuhalten durchfahren.

Wie froh sind wir über den Kontrast, den die Natur uns dazu bietet! Die abwechslungsreiche Bergwelt wird noch verschönt durch unterschiedliche Äcker, die mit ihren vielfarbigen Flächen ganz eigenwillige Muster auf die Bergflanken zaubern. Während einer kurzen Rast am Straßenrand machen zwei Rif–Bäuerinnen mit lautem Geschrei darauf aufmerksam, dass wir uns doch bitteschön um ihre Schafe kümmern sollen, die gerade im Begriff sind, auf die Straße zu laufen. Ein paar Steinwürfe lenken die Wolllieferanten wieder in die gewünschte Richtung und die Damen setzen fröhlich lachend und winkend ihre angeregte Unterhaltung fort. Je weiter wir ins Rifgebirge vordringen, desto löchriger wird der Asphalt, oft fehlt er ganz. Und tatsächlich wird überall Haschisch angeboten, manchmal durch eindeutige Gesten, aber oft werden uns auch Joints entgegen gestreckt. Als wir kurz mal ins Gebüsch müssen, hält ein Auto mit vier jungen Männern neben uns an. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit! Nach dem üblichen freundlichen: „ Bonjour, ça va?“ folgt prompt die Frage: „Haschisch?“ Als Nichtraucher verzichten wir auch jetzt wieder auf einen Einkauf, wir wollen uns lieber an dem wunderschönen Land und der Kultur berauschen. Auch der Hinweis auf „Bio-Haschisch“ überzeugt uns nicht und so ziehen die vier unverrichteter Dinge weiter. Bis auf 1800 m steigt die Straße an und führt durch windgepeitschte Zedern- und Tannenwälder. Auf der Passhöhe stoppt plötzlich ein verbeulter Peugeot neben uns. Wir befürchten den nächsten Haschischhändler, doch es sind zwei Polizisten, die aussteigen. Unsere Hirne fangen an zu rattern! Hat uns vielleicht doch irgendjemand Rauschgift untergejubelt? Müssen wir jetzt kräftig blechen, bevor wir weiterfahren können? Weit gefehlt. Die beiden erkundigen sich nur nach unserem Weg, warnen vor der gefährlichen Straße nach Taza, bevor sie eine gute Weiterreise wünschen und verschwinden.
Tatsächlich geht es für uns kurvig weiter, allerdings auf einer Schotterpiste, die immer schlechter wird. Wir umfahren tief ausgewaschene Rinnen und hoppeln über grobes Geröll, ständig große Hanfplantagen im Blick. Dass sich hinter jedem Berg ein neuer interessanter Anblick auftut, ist der Lohn für die Plackerei. Die R503 führt uns Richtung Süden durch wechselnde Landschaften. Mal kurven wir durch grüne Hügel, mal kämpfen wir uns gegen ständigen Seitenwind auf schnurgeradem Asphalt über eine weite Hochebene, Tafelberge tauchen auf und große Geröllfelder. Plötzlich bewegen sich einige der runden Felsen! Es ist eine Schafherde auf Futtersuche, die kaum von der Umgebung zu unterscheiden ist. Was die Tier hier fressen bleibt uns jedoch ein Rätsel. Auf der N13 hat man ab Midelt den Hohen Atlas erreicht und braun ist die alles beherrschende Farbe. Die Strecke durch das Ziz–Tal, über dessen Boden ein Strom aus Palmen entlang mäandert, mit den flott zu fahrenden Kurven und dem guten Asphalt ist ein besonderer Genuss. Kurz hinter Errachidia erreichen wir die „Source Bleue de Meski“, wo wir auf dem Campingplatz unser Zelt aufschlagen. Das Thermometer schrappt an der 30° C Marke, da freut sich der Reisende auf ein kühles Bad. Das Becken, einst erbaut für die dort stationierten Legionäre, ist jedoch dicht umlagert von Jugendlichen aus der Umgebung. Es ist Wochenende und das nutzen natürlich auch sie zum Vergnügen. Im Wasser sind allerdings nur die jungen Männer. Die Mädchen sitzen am Rand und schauen dem Treiben zu. Undenkbar, sich hier in aller Öffentlichkeit halbnackt zu zeigen! Auch ich verspüre wenig Lust die Fantasie der Halbstarken anzustacheln. Der Bikini bleibt im Koffer, eine kalte Dusche muss zur Erfrischung reichen.

Nach der kleinen morgendlichen Wanderung zur „Kasbah Meski“, die größtenteils verfallen auf der anderen Seite des Flusses liegt und einen herrlichen Ausblick auf die Oasengärten im Ziz-Tal bietet, steuern wir unser nächstes Ziel an. Bei Marokko denken die meisten an riesige Sandwüsten. Doch obwohl das Land große Wüstengebiete sein eigen nennt, gibt es nur zwei nennenswerte Dünenfelder – eines bei Mahmud und das größte, das „Erg Chebbi“, bei Merzouga. Ab Rissani nähern wir uns dem „Erg Chebbi“ über eine Piste. Wenn das Wellblech zu nervig wird, unternehmen wir kleine Ausflüge querfeldein. Es macht Spaß über die Ebene durch den Sand zu sausen, immer die bis zu 100 m aufragenden, rotgoldenen Dünen voraus im Blick. Auf dem Campingplatz „Sahara“ in Hassi Labiad findet das Zelt seinen Platz unter Palmen, direkt am Fuß einer Düne. Der Campingplatz und die dazu gehörige Auberge werden von den Brüdern Lahcen und Mohammed Bourchok betrieben, die auch geführte 4x4 Touren und Exkursionen mit Kamelen anbieten. Die beiden Berber haben hier ein kleines Paradies mit Swimmingpool geschaffen und kümmern sich sehr freundlich um ihre Gäste. Wie lange es noch existieren wird, steht allerdings in den Sternen. Lahcen erzählt, dass es im Tafilalt seit 2 Jahren nicht mehr geregnet hat. Viele Palmen sind abgestorben, das Futter für die Tiere ist knapp, der Gemüseanbau sehr schwierig. Das Leben ist dadurch für die Menschen in dieser ohnehin schon lebensfeindlichen Umgebung noch härter geworden. In Errachidia wurd ein riesiger Stausee gebaut, der das Wasser aus den Bergen aufnimmt, das sonst in den Ziz floss und von dort an die Oasen weiter geleitet wurde. Den Menschen im Süden gab man das Versprechen, sie mit dem kostbaren Nass zu versorgen. Man baute sogar Kanäle, die jedoch nie in Betrieb genommen wurden. Aber statt den Bauern im Tafilalt das Leben zu ermöglichen, wird das Wasser nur in der Umgebung von Errachidia zur Bewässerung riesiger Plantagen verwendet.

Die Menschen im Draa-Tal kennen das gleiche Problem. Jahrhunderte lang war der Fluss die Lebensader, ermöglichte den Anbau von zehntausenden Dattelpalmen, die den Bewohnern ein sicheres Einkommen bescherten. Dann erhielt auch Ouarzazate einen Stausee und – besonders pervers – das Wasser wird zur Bewässerung von öffentlichen Plätzen und von einem Golfplatz benutzt. Im Draa-Tal kommt nur noch wenig Wasser an, die Palmen verdorren. Am Sonntag platzt Rissani aus allen Nähten, es ist Markttag. Im Zickzackkurs umkurven wir Esel, Handkarren, Fahrräder, LKW’s und Fußgänger. Die Motorräder bleiben auf einem Parkplatz stehen, wo sie vom Wächter mit einer 1,50 m langen Latte gegen neugierige Kinder verteidigt werden. Der “Parkplatz der Nomaden” ist nicht mehr komplett ausgelastet. Früher standen hier die Lasttiere der Händler dicht an dicht. Doch diese reisen inzwischen oft mit Dreirädern oder anderen Motorfahrzeugen an. Trotzdem warten hier noch über 100 Esel und Pferde in der prallen Sonne auf das Marktende. Das moderne Leben, vom König in den Städten des Nordens vorangetrieben, ist in Rissani noch nicht angekommen. Uns fallen viele komplett verschleierte Frauen auf, in den kleinen Geschäften wird noch alles per Hand hergestellt und die Fleischtheken sind eine Sache für sich. Der Geflügelhändler packt das ausgewählte Huhn, dreht sich um, schnappt das Hackebeil – zack! Schon zieht der Käufer mit dem kopflosen Huhn von dannen.
Die R 702 zwischen Erfoud und Asrir führt an vielen Oasen vorbei durch eine vollkommen ausgedörrte Wüstenlandschaft. Eine Ebene ist mit riesigen „Maulwurfshügeln“ übersät. Erstaunt halten Helmut und ich an, doch die Frage, was das wohl ist, können wir noch nicht einmal zu Ende denken, da reden schon zwei Marokkaner auf uns ein. Gerade wollen wir die Flucht ergreifen, da höre ich das Wort „Foggara“ heraus. Die will ich unbedingt ansehen! Die Männer verlangen 10 Dinar pro Nase für eine Führung, umgerechnet 92 Cent, die sich wirklich lohnen. Unser Führer Karim steigt mit uns hinab in die Foggaras oder auch Khetaras und erklärt, dass es sich hierbei um ein jahrhundertealtes unterirdisches Bewässerungssystem handelt. Das Regenwasser wurde so aus dem Hohen Atlas kilometerweit in die Oasen geleitet, wo es dann nach einem festgelegten Schlüssel an die Familien verteilt wurde. In regelmäßigen Abständen mussten Schächte an die Erdoberfläche angelegt werden um die Kanäle instand zu halten und natürlich auch, um die Menschen, die in der Tiefe arbeiteten, mit Sauerstoff zu versorgen. Durch den Aushub entstanden die „Maulwurfshügel“. Während wir in Karims schattigen Berberzelt ein köstliches Omelett verspeisen, erzählt er, dass durch die Foggaras schon seit Ewigkeiten kein Wasser mehr fließt. Seine Familie ernährte sich früher von dem, was auf ihren Feldern wuchs. Durch die Trockenheit lohnt sich die Landwirtschaft nicht mehr. Karim versucht seine Familie mit der Arbeit als Fremdenführer und mit dem Verkauf von Souvenirs über Wasser zu halten. So wie Lahcen vorher, erzählt er ohne Bitternis. Die Männer resignieren nicht, sie haben immer noch Hoffnung, dass es eines Tages wieder aufwärts geht.

Bei Tinejdad treffen wir auf die „Straße der Kasbahs“, die N10, und tauchen ein in eine phantastische Landschaft. Vorbei an den schwarzen, verwitterten Hängen des Djebel Sarhro geht es über den hübschen, lehmfarbenen Ort Boumalne in die Dadès-Schlucht bis Ait Youl. Hier finden wir ein schönes Zimmer in der Kasbah „La Famille“. Die riesige Wohnburg wurde von einer Familie nach und nach aufgebaut und sehr geschmackvoll eingerichtet. Am Abend genießen wir auf der Dachterrasse den Blick auf die im Abendlicht rotglühende Bergwelt und unseren Wein, den wir in Tineghir eingekauft haben. Auf gutem Asphalt folgt man dem Lauf des Dadès bergauf, passiert restaurierte Kasbahs und üppige Felder, die im Kontrast zu dem braunroten Faltengebirge des Hohen Atlas unnatürlich grün wirken. Die berühmten Serpentinen in der Dadès-Schlucht sind schon längst asphaltiert aber ab Msemrir kommen die Offroad-Fans für 40 km auf ihre Kosten – und das in einer Natur von umwerfender Schönheit! Man kann noch die Urgewalten erahnen, die beim Aufeinandertreffen der Kontinentalplatten entstanden sind und dieses Gebirge erschufen. Schicht für Schicht wurde das Gestein nach oben gedrückt und in abenteuerliche Schräglagen und verschlungene Verwerfungen gelegt. Bis auf über 2900 m schraubt sich die Schotterpiste in die Höhe, bis man in Agoudal wieder Asphalt unter die Stollen nehmen kann. Abenteuerlich mit Stroh beladene LKW machen uns darauf aufmerksam, dass hier in fast 2000 m Höhe noch Getreide angebaut wird. In unseren Breitengraden undenkbar.

Auch die Todra-Schlucht zeigt sich in der Abendsonne von ihrer schönen Seite, wenngleich sie nicht so spektakulär ist wie die des Dadès. Erschreckend ist, dass in den schroffen Steilhängen Höhlen zu sehen sind, in denen Menschen leben. Am nächsten Morgen müssen wir 25 km Richtung Tinejdad zurück fahren, um die Quelle „Lalla Mimouna“ zu besuchen. Der Kalligraph Zaid Abbou entdeckte die vermüllte Quelle 2002 und machte sich daran, dieses Kleinod wieder zum Leben zu erwecken. Inzwischen sprudelt das klare, magnesiumhaltige Wasser in drei sauberen Becken, ringsherum hat der Künstler eine interessante Ausstellung zusammen getragen. Wir sehen alltägliche Dinge aus vergangenen Zeiten, uralte Schriften und herrlichen Berberschmuck. Der größte Stolz des Künstlers ist eine Klepsudra - eine Wasseruhr, die auch heute noch in einigen Oasen eingesetzt wird, um die Wassermengen korrekt an die einzelnen Familien zu verteilen. Ein lohnender Umweg!
Der Jebel Sarhro gilt als die trockenste und heißeste Gegend Marokkos. Das merken wir sogar an den Ausläufern des Gebirges: auf der Strecke über Alnif zum Draa-Tal haben wir bei 38° C im Schatten das Gefühl, durch einen Backofen zu fahren. Obwohl der Schweiß in Strömen fließt, halten wir ständig an, um zu fotografieren, so unglaublich schön ist die Landschaft. Links ragt ein Berg auf, geformt wie eine Zipfelmütze, rechts eine weite, mit Akazien bestandene Ebene – man erwartet fast Giraffen zu sehen – mittendrin ein einzelner, roter Berg. Hinter der nächsten Biegung riesige Tafelberge mit verwitterten Hängen wie im Monument Valley. Umwerfend, nur frisches Grün sucht man hier vergeblich. Das „Vallée du Draa“ begrüßt uns mit einem kleinen Sandsturm. Als wir nach Sonnenuntergang in Zagora einfahren, zeigt das Thermometer immer noch 33° C an und die Stadt verschwindet komplett in einer Staubwolke.

Auf dem Campingplatz „Azrou“ finden wir ein windgeschütztes Plätzchen und können von hier aus die Bewässerungskanäle der Oasengärten ansehen. Mit Dieselaggregaten wird das Wasser aus der Tiefe herauf gepumpt, in die Kanäle geleitet und dann an die Gärten verteilt. Viele Parzellen wurden jedoch schon aufgegeben, die Pflanzen darin verdorren. Am nächsten Morgen besuchen wir das ehemalige Judenviertel in Amezraou. Hier wurde eine alte Karawanserei auf traditionelle Weise renoviert und eine Silberschmiede eingerichtet, in der Schmuck, kunstvoll verzierte Truhen oder Spiegel mit Methoden des vorigen Jahrhunderts hergestellt werden. Die Silbermischung wird in einem Tongefäß über einem Feuer auf dem Boden eingeschmolzen, in Tonformen gegossen, dann folgt das Schleifen und Gravieren. Das Wissen haben die Berber von den jüdischen Silberschmieden übernommen, die nach dem 2. Weltkrieg das Land verlassen haben. Um das Projekt zu unterstützen stürzt Helmut sich in die Verhandlungen um ein paar Ohrringe. Nach langem Hin-und-Her argumentiert mein Mann, dass der Schmuck zwar viel Arbeit gemacht aber kaum Gewicht hat. „Sie sind so leicht wie eine Fliege!“ Da bricht der Verkäufer in schallendes Gelächter aus, erklärt Helmut zum Freund und schlägt in sein Angebot ein.

Wir sind wieder auf dem Weg Richtung Norden, wo ein Stopp am Ksar „Ait Benhaddou“ Pflicht ist. Dieses wirklich schöne, befestigte Dorf in traditioneller Lehmbauweise steht seit 1987 unter dem Schutz der UNESCO und war Kulisse für diverse Filme, unter anderem für „Gladiator“. Wir sind mit einem englischsprachigen Führer verabredet um den „faux guides“ zu entgehen und um ein paar Informationen zu erhalten. Unser Führer erzählt, dass die zehn Häuser des Ksar ursprünglich von den Mitgliedern einer Familie bewohnt wurden. Die hohen Ecktürme dienten der Verteidigung, denn früher gab es ständig kleine Scharmützel um Land und Nahrungsmittel. Um es Angreifern schwerer zu machen, baute man kleine Türen und hohe Stufen. Doch alle baulichen Raffinessen schützten das Ksar nicht vor der Flucht der Bevölkerung. Es liegt zu abgeschieden, fließendes Wasser oder Elektrizität gibt es nicht, außerdem müssen diese Lehmbauten stetig instand gesetzt werden. Zurzeit leben wieder fünf Familien in den Wohnburgen, die versuchen, die Anlage mit den Geldern der UNESCO und den Eintrittsgeldern zu erhalten. Marrakesch – Perle des Orients und eine der 4 Königsstädte Marokkos – muss man einfach besuchen, um einmal tief in das üppige arabische Leben einzutauchen und um ein wenig Kultur mitzunehmen. Als erstes brauchen wir aber Nerven wie Drahtseile, um den irrsinnigen Verkehr auf unseren Motorrädern zu überstehen.
Kurz vor der Medina bietet sich ein Mofafahrer an, uns zu einem Riad in die Medina zu lotsen. „Ihr müsst aber gut fahren können“, meint der junge Mann, schaut mich skeptisch an und rauscht los. Wir bugsieren die DR’s mit den Alukoffern mitten durch die verwinkelten Gassen der Altstadt hindurch, vorbei an den Auslagen der kleinen Geschäfte, weichen Fußgängern aus und werden von Mofas überholt. Dass hier überall Verbotsschilder für Mofas und Fahrräder hängen interessiert niemanden. Wir ergattern ein Zimmer im Riad „Maud“, keine 5 Minuten Fußweg entfernt vom „Djemaa el Fna“, dem berühmten „Platz der Gehenkten“.

Nach Sonnenuntergang scheint halb Marrakesch auf dem Platz versammelt zu sein. Man geht an einem der unzähligen Buden Schnecken, Schafskopf oder Merguez-Würstchen essen. Zum Nachtisch gibt es Kekse, die auf Handkarren angeboten werden, oder frisch gepressten Saft – zumindest, wenn man es geschafft hat den wirklich nervigen Schleppern der mobilen Garküchen zu entkommen. Die Marokkaner lauschen begeistert den Märchenerzählern, von denen man gegen einen kleinen Obulus gerne Fotos machen kann. Über dem ständigen Summen der Stimmen liegen die monotone Musik und das Kastagnettengeklapper der Gnawa-Musiker. Eine einzigartige Atmosphäre. Wir holen uns wunde Füße beim ausgiebigen Bummel durch die endlosen Souks, welche die größten des Landes sind. Aus der Fülle an traumhaften Bauwerken suchen wir uns den Bahia-Palast aus, benannt nach der Lieblingsfrau eines Großwesirs und die maurischen Saadier-Gräber. Beide Bauwerke bestechen durch prächtige Stuckverzierungen, Malereien und üppige Mosaike. Marrakesch bietet noch viel mehr an Sehenswürdigkeiten, aber wir wollen noch nach Fés. Auch hier wandern wir kreuz und quer durch die Souks. Ständig fragen Leute, was wir suchen, wollen uns den Weg weisen. „Wir suchen nichts.“ Stirnrunzeln. „Da geht es entlang!“ Das Touristen einfach nur spazieren gehen, ist anscheinend schwer zu verstehen. Wir lauschen dem ohrenbetäubenden Hämmern der Kupferschmiede und halten uns die Nasen wegen des unglaublichen Gestanks im Gerberviertel „Chouwara“ zu. Obwohl wir uns nur von der Terrasse eines Geschäftes ansehen, wie die Färber bis über die Knie in der stinkenden, giftigen Brühe stehen, freuen wir uns fast wieder auf einen stressigen Arbeitstag im Büro. Das sind doch bessere Arbeitsbedingungen als hier, wo sich an der Lederverarbeitung seit einigen hundert Jahren kaum etwas verändert hat. Unseren Urlaub lassen wir mit einem Abend in der angenehm ruhigen, „Blauen Stadt“ Chefchaouen ausklingen. Wir haben nur einen kleinen Einblick in dieses faszinierende Land mit seiner abwechslungsreichen Natur, seinen Kulturschätzen und seinen manchmal freundlichen und manchmal furchtbar anstrengenden Menschen erhalten und es ist klar, dass wir diesen vertiefen werden.


Dokumentation Marokko

Allgemeines:
Ein gut ausgebautes Straßennetz führt den an Kultur interessierten Reisenden zu den 4 Königsstädten mit prächtiger orientalischer Baukunst, Medinas, Kasbahs, Ksour, oder Bewässerungssystemen der Oasen. Endurowanderer und sportlich ambitionierte Geländefahrer finden hier ebenso ihr Paradies, denn es gibt keine Verbotsschilder, statt dessen Offroadvergnügen in allen Variationen von Schotter über Bergpisten bis zum Tiefsand. Auf einer klassischen Rundreise lässt sich alles gut kombinieren. Nicht zu unterschätzen sind jedoch die zu fahrenden Kilometer, Pisten drücken den Reiseschnitt und Marokko ist groß. Das Königreich setzt seit Jahren massiv auf die Einnahmequelle Tourismus. Durch Aufklärung ist z.B. das Betteln stark zurückgegangen. Die Bevölkerung ist sehr gastfreundlich, höflich und dem Fremden gegenüber tolerant. Trotzdem sollte man bedenken, dass man in einem muslimischen Land ist und sich nicht zu freizügig kleiden – das gilt für Männer und für Frauen. Ein wenig Französisch Kenntnisse sind immer von Vorteil, eine Handvoll arabischer Floskeln wären das I-Tüpfelchen. So kann man etwas mehr vom Land und den Menschen erfahren.

Historie: Marokko gehörte nie vollständig zum Islamischen Reich, daher konnte sich im Maghreb eine eigenständige Kultur und eine gewisse Sonderform des Islam entwickeln und bewahren, die stark von der Tradition der Berber beeinflusst ist.

Geographie/Reisezeit/Klima: Die Fläche Marokkos ohne der Westsahara beträgt 447.00 km² und ist damit ca. ein Viertel größer als das Gebiet der BRD. Marokko besteht aus 3 verschiedenen Klimazonen und ist daher grundsätzlich ganzjährig zu empfehlen. Möchte man alle Zonen bereisen, muss man Kompromisse eingehen, da die klimatischen Anforderungen hoch sind. Die Mittelmeerküste und die Gebiete westlich des Hohen Atlas gehören der Suptropischen Zone an. Kühle, feuchte Winter gehen rasch in angenehm warm/heiße Sommer über. Der Mittlere und Hohe Atlas bilden die Klimascheide zur Sahararegion. Hier ist es im Winter bitterkalt und der Schnee hält sich in den Hochlagen bis März/April. Danach sind diese Regionen eine beliebte Sommerfrische der betuchten Marokkaner. Östlich des Atlas‘ beginnt die Sahara, die man von Juni bis September wegen der großen Hitze kaum bereisen kann. Hier bietet sich die restliche Zeit des Jahres an, denn selbst im Winter hat man meist Höchsttemperaturen von gut 20°C. Im Februar/März muss man allerdings mit Sandstürmen rechnen. Ebenfalls heiß sind die Gebiete südlich von Marrakesch und mit Einschränkungen auch der Antiatlas. Sehr reizvoll ist eine große Marokkotour im April/Mai, wenn das Land nach den winterlichen Regenfällen üppig grün ist und sich selbst an den unwirtlichsten Stellen bunte Blütenmeere ausbreiten.

Anreise
: Die Auswahl an Fähren ist recht groß. Je nach Durchhaltevermögen auf langen Autobahnetappen kann man bis Tarifa fahren oder bereits in Genua oder Sète aufgeben. Die Grandi Navi Velocci (www.gnv.it/de) bringt ihre Passagiere in 2 Nächten von Genua/Sète nach Tanger oder Nador. Fährt man bis Südspanien hat man verschiedene Möglichkeiten um teilweise im Stundentakt zum Afrikanischen Kontinent zu starten.

Unterkunft
: Für afrikanische Verhältnisse gibt es viele Campingplätze, die meist spartanisch aber akzeptabel ausgestattet sind. Einen Platz zum offiziell verbotenen Wildcampen findet man meistens, ein abendlicher Besuch von Einheimischen ist dann aber fast sicher. Hotelzimmer gibt es in den meisten Städten. Die Kategorien schwanken extrem. Von sehr einfach/günstig bis zum Topniveau ist alles vertreten.

Gesundheit: Koch es, schäl es oder vergiss es – die einfachste Empfehlung nicht an Durchfall und Erbrechen zu erkranken. In etwas zweifelhaften Etablissements oder am Straßenrand sollte man daher auch keinen Salat essen. Der Standard in großen Restaurants und Hotels ist jedoch so hoch, dass keine besondere Vorsicht notwendig ist. Auch wenn es keine Impfvorschriften gibt, sollte man trotzdem eine Impfung gegen Hepatitis A in Erwägung ziehen. Zum Kochen, Trinken und Zähneputzen ist es ratsam, das überall erhältliche stille Mineralwasser zu nutzen. Hat es einen doch mal erwischt, hilft eine gut sortierte Reiseapotheke.

Essen und Trinken:
Marokkos Küche hat einen sehr guten Ruf. Will man die Vielfalt der köstlichen Gerichte genießen, sollte man größere Lokale aufsuchen. In den einfachen Lokalen auf dem Land herrscht die Tajine vor, die meist sehr schmackhaft ist.

Souvenirs: Teppiche, Schmuck und Kunsthandwerk sind ein lohnendes Mitbringsel. Ist auf dem Moped kein Platz kann das Ersteigerte auch auf dem Postweg nach Hause gelangen. Zertifizierte Läden beruhigen den Käufer und Kenntnisse über die Preise helfen eine gute Verhandlungsbasis zu nennen.

Reiseführer/Karten: Das Standardwerk kommt aus dem Reise Know How Verlag: Erika/Astrid Därr: „Marokko“, 24,90 €. Hervorzuheben sind hier besonders die detaillierten Pistenbeschreibungen. Bewegt man sich auf Asphalt, gibt es eine riesige Auswahl an weiteren Reiseführern. Die beste Karte stammt mittlerweile aus dem gleichen Verlag, als Ergänzung bieten sich die 742 Michelin oder diverse andere Karten an.


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